Staubgeist Null

 

 

 

 

Freak Willem 1
Freak Willem 2
Demorilla-Musik
Staubgeist Null
Andorons Gesang

 

 

 

1. DAS GROSSE BRIEFKUVERT

Er hätte sich beinahe zu Tode gestürzt, als er gestern Nacht zum Fenster stolperte. Sturztrunken war er, sozusagen aufs Edelste betrunken mit der primitivsten aller Begründungen: den unwegsamen Weltschmerz hinwegtun, der im Darm röhrt. Ein Schmerz über die unverfrorene Welt - und der Wirt ist so kollegial...

... stürzte er also auf sein eigenes Fenster zu, dem schmuddeligen Licht entgegen, das nur durch ein seltsames Rastermuster - seinen Vorhang nämlich - unterbrochen wurde ... sah die Scheibe und drei elendigliche Stock Absturz mit einem Rest seines Bewusstseins -

- da riss er einen ordentlichen Streifen in seine Gardine und holte sich eine Beule an der Heizung...

... das erste Licht, das durch diesen ordentlichen Streifen auf seine Stirn fiel, weckte ihn...

... das längst ergraute, all zu oft benutzte Bettuch ...

... und hatte auch noch eingepisst...

... das Klatschen von irrenden Taubenflügeln auf die Fensterscheibe... oder welches Geräusch?

Da nagte es wieder an ihm, jenes oft diskutierte Versagersyndrom - nur wenige Male in seinem Leben war es ihm unterlaufen, dass er träumte, auf seinem goldenen Klo zu sitzen, seinen Urin zur Rettung der Menschheit spendend --- und sich in einem klatschnassen Bett wiederfand und vor Verlegenheit nach dem Aufstehen nicht in den Spiegel zu schauen vermochte...

... Alarm!...

... irgendwo in der Nachbarschaft, hinter der Kastanie, im zweiten Hof also, bellte ein Hund; es war wie eine Illustration zu den spärlich huschenden Erinnerungsbildern in seinem noch mühsamen Wachsein.

... der leise stechende Schweißgeruch ...

... hatte kurze Zeit vor Einsatz der Bewusstlosigkeit geglaubt, einer Alkoholvergiftung zu erliegen...

... die Tropfensammlung auf seinen Handflächen und Fußsohlen - und das angstvoll bubbernde Herz...

Die Stimme des Hundes überschlug sich - und eine andere, eine menschliche, eine brummige Greisenstimme, gebot ihm Schweigen.

... das beruhigende Wissen: Ich schlafe, ich muss nichts tun. Ich muss nicht leben! Ich muss nicht trinken!

Staubgeistschlummer, Wunschtod jeden Tag.

Die Unlust am Leben. Sterben wollen ...

Er schlug mit der flachen Hand gegen die Wand neben seinem Bett und knurrte in sich hinein. Wenn er wenigstens das Erlebnis mit der alten Frau verstehen würde!

 

Heute nacht hatte er sie wieder im Traum gesehen, leicht verzerrt, mit stotternden Bildern, trotzdem kennbar.

Sie stand in der Tür zu ihrer kleinen Wohnung, gestern, als hätte sie ihn erwartet. Sicher, es geschah immer donnerstags, wenn auch nicht zur gleichen Stunde, dass der Müllwagen sein Kommen mit Prusten und donnernden Fehlzündungen und dem Röhren des Presswerks in seinem Bauch ankündigte und um die Ecke Genthiner bog - meist kurz nach dem ersten Schluck aus dem Rumflachmann, wenn er zu schwitzen begann.

Aber sie stand in der Tür, als warte sie genau, wann er kommen würde, als hätte sie den Müllwagen nicht gehört und warte einfach auf die Minute sicher, wann sie ihn zu erwarten hatte ... wann er keuchend die Treppe heraufpoltern würde, seinen Extradienst zu verrichten, der ihm den zweiten Donnerstagsflachmann und einen Fünfer einbrachte. Woher nahm er diesen Eindruck? Unbeantwortbare Frage vorerst...

 

Ihre Augen leuchteten gestern kraftvoller als sonst.

Sie leuchteten so, dass ihr Strahlen bis in seinen Sufftraum hineinreichte...

Überhaupt: Gestern musste ihn endgültig das Delirium tremens eingeholt haben, ein gewaltiger Hammer, seinen Kopf als Amboss benutzend - was er nächtens zum Anlass nahm, sich fulminanter als gewöhnlich zu betrinken...

Stand sie doch da, ganz die alte Dame - dem Gesicht nach: vielfältig gerötete Tränensäcke unter den Augen, denen nicht so recht anzusehen war, ob sie ihren Dienst noch taten - seit Tagen erneuerungsbedürftiger Lidschatten darüber - zwei harte Linien, Jahrzehnte eingegraben, um die Mundwinkel; auch die wohl vertraute Warze mit dem dicken schwarzen Haar an der linken Kinnseite fehlte nicht.

Die alte Frau !

Donnerstagsflachmann...

Er verlor sich hilflos in ihren Haaren, in weiß, grau und restschwarzem Wirbel....

 

Als er erwachte, wurde aus dem Traum schwer zu ertragendes Erinnern: das Erlebnis wollte nicht weichen aus seinen Gedanken, als wäre es ihm eingepflanzt in den beständig brummenden Kopf.

 

Herbert, der Müllmann, der Staubgeist Null in der Staubgeistarmee Berlins, wie er sich gern nannte, setzte sich in seinem Bett auf, schluckte mehrmals, als heftige Stiche durch sein Hirn fauchten. Und wieder überrannte ihn das Bild:

Ungeachtet ihres von siebzig Jahren zerfurchten Gesichtes lehnte sie an ihrem Türrahmen wie eine der alternden Prostituierten von der Potsdamer ... den Morgenmantel achtlos geöffnet, mit einem fast durchsichtigen Nachtgewand darunter, das mehr zeigte als es verbarg ...

Herbert musste mehrere Male hinschauen, um glauben zu können, was er sah ... einen jugendlichen, straffen Körper, eine weiche, warm flutende Energie ausstrahlend ...

Er spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach ...

Jemand klopfte sein Rückgrat mit einem Hämmerchen, links, rechts in schnellem Wechsel. Seine Nackenhaare juckten, als würde jedes einzeln unter Strom gesetzt.

... diese weiträumigen rundschrundigen Höfe in feinstem gezierten Rosa ... diese kleinfingernagelgrossen sonnenuntergangsroten Knospen unter zartestem Stoff...

Sein Hemd klebte ihm am Körper.

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