Demorilla-Musik

 

 

 

 

Freak Willem 1
Freak Willem 2
Demorilla-Musik
Staubgeist Null
Andorons Gesang

 

 

 

Der Tandor tobte sich aus.

Dies gehörte zu seinen Lieblingsbeschäftigungen, wenn er nicht gerade despotierte.

Er tobte sich aus, tief unten in einem vor dem Krieg angelegten Archiv der Zivilisation. Eine supraverdichtete Stahlröhre führte hinunter zu diesem Archiv. Er hatte sie unter Trümmern entdeckt mit seinem Extra-Sinnen, ihr zerschmolzenes oberes Ende beseitigen lassen und für sich zugänglich gemacht. Mehrere Kilometer führte sie hinunter, diese Röhre, tief, tief, tief genug, dass keine Atombombe hinlangen konnte, ihr endgültiges Zerstörungswerk zu verrichten. Er tobte sich aus in einem hochtechnisierten Würfel von achtzehn mal achtzehn maL ACHTZEHN Metern, der vollgestopft war mit Regalen voller Disketten, Regalen voller Videos, Beispielen der Entwicklung von Kultur und Technik, komplexen Computersystemen, technischen und musikalischen Instrumenten, Digital- und Analogsynthesizern, Meßinstrumenten und und und und ...

Der Lärm um ihn herum hätte aus einer voll altiven Maschinenfabrik kommen können.

In der einen Sekunde befand er sich noch in der Mitte des Raumes, drehte sich fünf Zentimeter über dem Boden schwebend mit sechzehn Umdrehungen/sec um seinbe eigene Achse, sich selbst in ein flimmerndes Etwas verwandelnd, so dass er jegliche Orientierung verlor und „im Zentrum der Sterne landete“, wie er sich auszudrücken pflegte, wenn er in einem der seltenen Anfälle von guter Laune einem Mitarbeitersklaven von sich selbst erzählte -

In der nächsten Sekunde bremste er die rasende Umdrehung mit einem wilden Impuls seiner telekinetischen Kräfte, band sämtliche Gewebe seines Körpers mit seinem eisernen Willen. Er verharrte einen scheinbar endlos langen Moment, während die Welt um ihn herum raste, öffnete die Augen in das Flimmern - und als die Welt dann wieder still stand, erfasste das rechte seiner unteren Augen einen Poti-Knopf an einer antiken Oszillatorenwand, das linke eine bestimmte Taste etwa im äußeren linken Drittel einer Reihe von Tastaturen.

Er drehte den Knopf auf eine willkürliche Stelle.

Er bediente die Taste ...

Phase eins seiner neuen bösartigen Komposition stand.

Er wiederholte den Vorgang: schweben, drehen, stoppen ...

Diesmal erfasste sein Blick die Diskettenwand und die dazu gehörige Achter-Reihe von Bildschirmen verschiedener Computertypen.

„Niete!“ fauchte er, „bloße Information macht keinen Sound ...“

Er wollte schon einen neuen Versuch machen, da dachte er an das Gebläse des ältesten der Computer in der Reihe - sofort schaltete er ihn ein und ließ das Gebläsegeräusch integrieren. ...

Die Kombination seiner Töne und Geräusche wurde von einem dafür programmierten Rechner in Zahlencodes umgesetzt und zusätzlich auf eine zweistellige Summe reduziert.

Und im Lager sechzehn öffnete sich die Tür einer Zelle mit der gleichen Nummer - und die Greifer überfielen ein menschliches Opfer. Und auf einem Bildschirm, tief unten in der Erde am Ende der Röhre, die von den Bomben nicht zerstört worden war, schaute der Tandor zu und amüsierte sich.

Auch das Schreien des Opfers wurde recordert und per Sampler, Harmonizer etc. in Anteilen integriert ...

Die bösartige Komposition wuchs.

 

***

Nach einer halben Stunde fühlte der Tandor jenen speziellen Druck im Hinterkropf, der ihm anzeigte, dass seine PSI-Kräfte nachließen, dass sein Gehirn, so leistungsfähig es war, der Ruhe, der Erholung bedurfte.

Selten, dass er sich an den Rand seiner Kräfte brachte ... aber heute hatte es ihn so finster, so wonnig finster begeistert.

Er legte sich auf den uralten Teppichboden des Archivs, schloss seine drei Augen und befahl sich Schnellregeneration. So nannte er es, wenn er Kräfte sammeln musste.

Kopf leeren. Druck im Hirn verwehen lassen. schnellregenerieren...

Danach, Minuten später, erhob er sich, fühlte sich bereit, wandte sich der Röhre zu und trug sich telekinetisch hinauf zum RADIOAKTIVUM.

Die Röhre endete in einem für jedermann verbotenen kleinen Raum nahe dem Thronsaal. Schmucklos und leer dieser Raum: gekachelter Boden mit dem Loch in der Mitte, vier blütenweiße Wände und ein großer Spiegel an der Decke. Der Tandor liebte es gelegentlich, sich selbst in diesem Spiegel größer werden zu sehen, wenn er sich hinantrug.

Er verließ den Raum durch eine Tür, die sich automatisch vor ihm öffnete und hinter ihm zur Unsichtbarkeit wieder schloß. Eine Art niederträchtiges Lächeln huschte über sein narbenreiches Gesicht, als er kurz erneut daran dachte, daß er den Fahrstuhl zum Archiv selbst zerstört hatte. Niemand außer ihm konnte hinunter zu dem, was für ihn die MUSIK VON DEMORILLA war.

Für ihn war es eine völlig banale, weil selbstverständliche Angelegenheit: er würde die Erde erobern. Wenn schon nicht die Maschinen sein Werk waren, die ihm dienten.

"Lagerleiter 571 erbittet eine fünffache Minute Ihrer Aufmerksamkeit!" meldete die Signalkapsel in seinem rechten Ohr.

Er fühlte sich zwar veranlasst, einen unwirschen Kommentar auszusenden, weil: nach so einer begeisternden MUSIK VON DEMORILLA-Sitzung, so vielen neuen Segmenten der teuflischen Komposition, die ihm sein Kreiseln heute eingebracht hatte, mochte er nicht sofort wieder regieren... dann schickte er sich, seufzte tief, "paßt ja vielleicht!", flatterte ausgiebig selbstbedauernd mit den Wimpern seines dritten Auges und drückte seinen Rücken gerade. "Wenn mich meine Größe nur nicht so beugen würde!"

"Rapport!" sandte er aus.

überall im RADIOAKTIVUM warfen sich die FOLGENDEN zu Boden und trommelten ein Ergebenheitssegment auf den Hartplastikboden, dass das RADIOAKTIVUM erzitterte.

Der Tandor ließ sich herab, seine Füße zu benutzen. Er wandelte genüsslich die wenigen kurzen Gänge entlang zum ZIMMER DER BOMBE, seinem Thronsaal, und überall, wenn SEINE GROSSARTIGKEIT an den liegenden FOLGENDEN vorüberdefilierte, steigerte sich das Trommeln zum chaotischen Furioso. Und die Mikrofone an den Decken hatten alle Kondensatoren voll zu tun, aufzunehmen, was auf sie einbrandete, und es zur MUSIK VON DEMORILLA zu schicken.

Der Tandor erreichte das ZIMMER DER BOMBE.

Er war um einige Rhythmussegmnente reicher. Aber wahrscheinlich würde der Computer wieder nicht den Rhythmus aus dem Lärm herausfiltern können, wie so oft.

Er schlenderte über das reichlich mit vielen stilisierten Adlerfl￿geln ausgeschm￿ckte Bodenmosaik zu seinem Thron, neben dem auf einem schlichten Marmortischchen ein einsamer Monitor stand.

Der Thron war eine Linie.

* * *

Stellen Sie sich ein Quadrat vor, die Kanten mit der Andeutung einer ovalen Schwingung. Die Linie war vielleicht 1,5 Zentimeter dick und bestand aus einer Dicht-bei-dicht-Folge von schwärzlichen Löchern im Boden. Fünfzehn Zentimeter über ihnen flimmerte ein diffuser, leicht lila angehauchter Lichtring, kaum wahrnehmbar: die untere Kante des Thronsessels.

Der Thron selbst war unsichtbar.

Er stellte ein Nebenprodukt aus des Tandors gründlichen Studien im Archiv dar - ein Antigrav-Kissen.

Im radio-aktiven Glust der vielen himmelschreienden Pilze war es verlorengegangen: das Antigrav-Prinzip. Seine Grundlagen nahmen allerdings einen breiten Raum ein in der Sammlung “Technische Prinzipien”, die der Tandor im unterirdischen Archiv fand...

Sein Volk hätte das Antigrav-Prinzip sicherlich wunderbar zur Bekämpfung der mannigfaltigen Schwierigkeiten mit der mutierten Umwelt verwenden können, aber der Tandor behielt es für sich - er suchte seine GROSSARTIGKEIT zu unterstreichen, indem er "in der Luft saß"...

Der Schöpfer der MUSIK VON DEMORILLA ließ sich unter heftigsten Trommelwirbeln in dem weichen Kraftfeldkissen nieder.

"SEINE GROSSARTIGKEIT ist bereit zu empfangen!" ließ er die Stimme des elektronischen Akustik-Sklaven vor dem ZIMMER DER BOMBE erklingen, per Fernsignal via Kapsel; und es fand die traditionelle Wiederholung in zwei weiteren Tonlagen statt:

"SEINE GROSSARTIGKEIT ist bereit zu empfangen!"

"SEINE GROSSARTIGKEIT ist bereit zu empfangen!"

Die Eingangstür öffnete sich. Draußen stand die breitschultrige, doch geduckt-mausgraue Gestalt des Lagerleiters 571. Dieser hielt seinen Blick streng auf den Boden gerichtet, als zähle er die Adlerflügel, die linke, nackte Hand auf die Brust gepresst, die Rechte, im Handschuh, den Helm haltend, halb auf dem Rücken: ganz der devote Untertan...

"571 sei eine fünffache Minute meiner Sternenzeit gewidmet!" sagte der Tandor. Er saß lässig, Beine übereinandergeschlagen, das dritte Auge geschlossen, saß wie in einem Heimsessel in der Luft, derweil der lila Lichtring stärker flimmerte, ganz der Selbstsehrgefällige, SEINE GROSSARTIGKEIT, ein warnend-diabolisches Licht in den verbliebenen offenen Augen, das, in Töne umgesetzt, die MUSIK VON DEMORILLA um den Planeten tragen sollte - rundum der Tandor, dem niemand seine mutierte "Göttlichkeit" bestritt -

571 trat ein paar Schritte vor, seine schweren, nach der Entstrahlung blitzsauberen Stiefel dröhnten auf dem Bodenmosaik.

"Demorilla reinigt die Erde!" schrie er, die Mikrofone nahmen es auf und Echomaschinen schalteten sich in Kette...

"....reinigt die Erde reinigt reinigt die Erde reinigt die Erde Erde Erde Erde Derde einigt die Dede inigt rein ein Dede De De De...." dröhnte seine Stimme, über Oktaver angehoben und versenkt und angehoben und versenkt, über Verzerrer zischend, in Vielfachfiltern moduliert, so dass die Worte manchmal mickymausig hell, manchmal urgroßvaterdumpf aus zwölf Lautsprechern ertönten, kreisend, schneller, langsamer, hinauf und hinab die Tonlagen, leiser, lauter, kreisend...

"... die Erde Dede De De De Erde Er Er..."

"... Erde Erde rein..."

"... derein..."

"... ein..."

Das Vielfach-Wortspiel wurde leiser und verklang.

"... Der Tandor überstrahlt Zeit und Sterne!" schrie 571 die zweite Pflichtformel, die ähnlich beantwortet und bearbeitet wurde.

"Wir sind die FOLGENDEN!" ereiferte sich 571 und trampelte auf das Bodenmosaik ein bleistiefeliges Rhythmussegment aus 13 Takten...

... und fern unten im Archiv machte der Rechner ein Schlagzeugsolo daraus und schickte es zurück.

571 kroch sichtlich in sich zusammen. Seine lärmgewohnten Ohren schmerzten, ständig fühlte er sich veranlasst, mit seinen beiden Händen nach oben zu fassen, es zuckte ihm richtig in den Fingern. Aber er wusste zu genau, wie gering seine Chancen waren, ob so einer unbotmäßigen Geste von dem Tandor nicht in die Musikkammer geschickt zu werden.

"... die FOLGENDEN die FOLGENDEN die FOLGENDEN!" heulte ein Lautsprecher zwischen seinen Füßen auf und 571 biss sich die Zähne heftig aufeinander, dass es ihm in die Ohren knirschte, während sein Rhythmussegment, erneut verwandelt, jetzt als gleichbleibende, voll und warm klingende Kesselpaukentaktfolge erschien, in sich gegenläufig, eindringlicher werdend, und, zu seiner großen Überraschung, lauter, fortwährend angenehmer, stimulierender, erregender...

über dem Tandor explodierte eine grüne Lichtkugel.

Er schaute nach rechts, auf den Monitor. Dieser zeigte sich ordnende bunte Lichtlinien quer durch den Regenbogen, aus denen sich rasch ein Schriftzug formte:

BASISSEGMENT EINS

Schlichte zwei Worte, aber...

571 begann zu zittern. Und über das Gesicht des Tandors lief ein triumphierendes Lächeln.

Natürlich wußte er bereits, dass 571 sich des Versagens bezichtigen würde, weil Tomkin, den er jetzt schon "den Gesuchten" nannte, allen Lagerinsassen die Kapseln aus dem Kopf operiert hatte, so dass sie zum freien Denken und Wollen zurückfanden. Einzig dem Lagerleiter hatte man solange Beeinflußbarkeit vorgespielt im monotonen Lageralltag, bis auch der letzte frei war... dann war Tomkin geflohen.

Nun, wahrscheinlich waren die Kapseln nicht mehr notwendig.

Auf einen Wink des Tandors verstummte der Lärm.

Auf einen weiteren verblasste die Beleuchtung des Raumes.

571 klopfte das Herz bis zum Hals. Das anfängliche Ritual war ihm bekannt - aber dies hier... Noch hatte er kein einziges Wort über den Grund seines Hierseins verlieren können.

BASISSEGMENT EINS leuchtete sich die Schrift auf dem Monitor quer durch den Regenbogen. Sie bildete die momentan einzige Beleuchtung des Thronsaals.

BASISSEGMENT EINS

Es war für eine Weile still in dem ZIMMER DER BOMBE, bis auf ein leises, boshaftes Kichern des Tandors.

571 bemerkte, dass seine Oberschenkelmuskulatur zu flattern begann. Der Tandor war unberechenbar. Die Kapsel in 571's Hinterkopf sendete kein Signal, also konnte er seinen Schrecken vor dem Diktator und dessen sadistischen Einfällen wahrnehmen.

"Wie heißt du, 571?" fragte der Tandor.

"571!" sagte 571.

"Du bist also schon lange in meinen Diensten, scheint mir. Aber du wirst deinen persönlichen Namen doch wohl nicht vergessen haben? Wie lautet er?"

"Wernher, IHRE GROSSARTIGKEIT!" Die Stimme des Lagerleiters schwankte, kratzte, als habe wer seine Stimmbänder beraspelt.

"Deine Stimme und Deine Stiefel haben ein Basissegment geschaffen. ich werde es dir zu Ehren Wernhers Segment nennen!"

571 verstand nicht viel. Er wusste, dass der Tandor an der MUSIK VON DEMORILLA arbeitete, mit der er die Welt zu erobern gedachte. 571 wusste, dass ein Segment ein Teil dieser Musik war und teilte in den wenigen Stunden des Tages ohne Kapselsignal die Volksmeinung, jene unmögliche MUSIK VON DEMORILLA entspringe dem Wahnsinn, den zu pflegen Recht und Privileg eines Tandors sei, ansonsten aber ohne praktischen Nährwert wäre.

"571 verneigt sich vor den Sternen!" sagte er die vorgeschriebene Dankesformel auf und fragte sich nicht, wofür er sich bedankte und schlug sich den Helm auf den Rücken. Für eine Sekunde huschte ihm ein Erinnerungsbild durch den Kopf:

Als er zum drittenmal die Überlebenshöhle verließ, an der Seite seines Vaters, hatte er zwischen den Stümpfen zweier verbrannter Bäume gestanden und erstaunt die geschmolzene Kuppe eines Hügels zur Rechten betrachtet, der aussah wie ein übergossener Plum-Pudding - da schwebte von jenseits der Stahlgerippe der toten Stadt ein Mann auf sie zu; er schritt nicht, er schwebte und aus seinen Augen strahlte Zorn; und sein Vater warf sich auf den Boden und betete; und der Mann streckte seine linke Hand aus und öffnete die Faust. Im Licht der Morgensonne blitzten ein paar winzige Kapseln. Ein sechsrädriges Fahrzeug mit einem Lautsprecher darauf näherte sich, Musik erklang - wenn man das, was da zwischen den Stahlgerüsten echote, Musik nennen konnte.

"Ich bin der Tandor!" sagte der Mann und der Sohn warf sich neben den Vater in den Schlamm und aus dem Rucksack schrie der Geigerzähler...

"Ich denke, ich weiß, was du mir berichten willst", sagte der Tandor, "ich werde dich in die Musikkammer schicken."

Das Erinnerungsbild wurde von des Tandors Stimme zerstört. F￿r 571 wurde das Jetzt ausgesprochen erschreckend. Seine Disziplin vergessend, wagte er einen Einwand:

"Aber IHRE GROSSARTIGKEIT, wenn Tomkin..."

"Nur so kannst du WERNHERS SEGMENT richtig genießen." fuhr der Tandor mit ausdrucksloser Stimme fort, als hätte er den Einwand des Lagerleiters nicht vernommen.

571 spürte plötzlich den salzigen Geschmack von Tränen auf den Lippen. Gab es jemanden, der ihn denunziert hatte - ein Beobachtender von außerhalb des Lagers? Wieso wußte der Tandor bereits ... Oder schickte ihn der Tandor aus einer bloßen Laune heraus in die Musikkammer? Wieviele seiner Freunde waren in der Musikkammer gestorben? Und kam nicht der Koch des Lagers nach einer Stunde in der Kammer zum Dienst zurück und sang fortan ununterbrochen wenige Töne und hatte seine Sprache vergessen?

Die Musikkammer war eindeutig der Schrecken von Demorilla. Und nun wollte der Tandor ihn...

Nein! In 571 schrie es. Die Gewißheit, sterben zu müssen, riss ihn aus seinem Dämmer - er knurrte irgendetwas, griff mit der nackten Hand zum Gürtel, wo die Waffe steckte und...

Um ihn herum entstand ein lila flimmernder Kubus, die Waffe an seinem Gürtel wurde so heiß, dass er sie fallen lassen musste. Der lila Kubus verschwand.

"Tot bist du kein FOLGENDER mehr, Wernher." sagte der Tandor gleichmütig. Er faltete seine Beine auseinander, ging ein paar Schritte hin und her, am Monitor vorbei und wieder zurück, auf dem immer noch der Schriftzug BASISSEGMENT EINS leuchtete, und berührte eine Taste unter dem Monitor.

Die Schrift verwischte und wurde durch eine andere ersetzt:

COMPOSITION NACH BASISSEGMENT EINS ANGELAUFEN. HARMONISCHE VERBINDUNG ZU WIRBELSITZUNG 85, 913, 1446 MÖGLICH. NÄHERE AUSWAHL KÖNNTE ZUM ENDZIEL FÜHREN!

Der Tandor vergaß seinen zitternden Untertanen für einen Moment völlig. Bei dem Wort "Wirbelsitzung" verspürte er eine unbändige Lust, sich völlig zu entspannen und dann zu wirbeln, sein spezielles Roulette zu spielen, mitten im Archiv. Aber noch waren seine geistigen Kräfte zu verbraucht. Morgen! Der Tandor würde weiterwirbeln, auch wenn die MUSIK VON DEMORILLA erreicht sein sollte: nichts vergnügte ihn mehr, als wenn das Universum sich einen Moment um ihn drehte, das Herz ihm im Stakkato schlug und aus den Lichtringen Leuchtanzeigen wurden...

"Was bist Du?" fragte der Tandor, sich in die Realität zurückholend.

"Ich bin ein FOLGENDER!" jammerte 571. Er warf sich auf den Boden und trommelte mit den Händen. "Aber bitte nicht die Musik-Kammer..."

"Ich möchte jetzt nicht deine Kapsel aktivieren", sagte der Tandor, "steh auf!"

571 reagierte nicht. Er zitterte heftiger, ein jämmerliches Bild der Todesangst.

"Bitte - bitte nicht die Musikkammer...Tomkin hat mich betrogen - er..."

"Stehen!" wiederholte der Tandor, ohne seine Stimme zu erheben. Allerdings klang sie eisig. Der völlig verstörte Lagerleiter sprang auf. Er ließ dabei seinen Helm fallen, der mit lautem Gedröhn einige Hüpfer auf dem Bodenmosaik vollführte. Die Mikrofone registrierten es und schickten es zum Rechner im Archiv, der es modulierte, in die vorhandenen Segmente und Informationen einbaute. Der Monitor neben dem unsichtbaren Thron zeigte einen neuen Schriftzug:

KLANG DER FEHLHANDLUNG DES FOLGENDEN WIRKT ALS KONTRAPUNKT-SCHLšSSELSIGNAL ZU BASISSEGMENT ZWEI. ENDZIEL NAHE. SUGGESTIVE ALLGEMEINWIRKUNG VON BASISSEGMENT ZWEI 86 %. STREICHERAKKORD AUS WIRBELSITZUNG 719 IM WIRKUNGSTEST PRÜFEN LASSEN.

"Siehst du", sagte der Tandor, "du bist ein FOLGENDER und lässt deinen Helm fallen und schaffst WERNHERS SEGMENT ZWEI. Heute ist ein großer Tag für dich..." Der ätzende Hohn in des Tandors Stimme war unüberhörbar. "Aber du siehst, wir brauchen einen Wirkungstest. Ich gestatte dir, mein Heiligtum zu betreten. Ein kleines Stück meines Sternenlichtes wird dich begleiten."

Das Licht im ZIMMER DER BOMBE flammte wieder auf. Der Tandor legte sich Kopfhörer an und schloß die Augen. Die Audienz war offensichtlich beendet.

Der Tandor hatte für 571 mehr als eine fünffache Minute seiner "Sternenzeit" geopfert. Dennoch konnte der Lagerleiter sein Anliegen nicht vorbringen. Die Kapsel in seinem Kopf war nicht und wurde auch nicht eingeschaltet. Er fühlte sich relativ frei. Langsam, ganz langsam, kehrte so eine Art Ruhe in ihn zurück. Vielleicht war die Musikkammer gar nicht so tödlich, wie man munkelte? Vielleicht war der Koch auch vorher schon verrückt gewesen und die Kammer hatte ihm nur den Rest gegeben? Vielleicht... aber was sollte das? Er hatte ohnehin keine Wahl. Und wenn er nun ---

Der Tandor schien ihn nicht wahrzunehmen. Er lauschte, mit drei geschlossenen Augen.

Und wenn er nun ---

571 machte sich vollends klar, dass er absolut nichts zu verlieren hatte. Es sei - er rief sich sein Kampftraining in Erinnerung.

Sofort schlug sein Herz ruhig und gleichmäßig. Seine Angst verschwand. Er bückte sich, hob seine Waffe auf, beim Zugreifen erleichtert bemerkend, dass sie genügend abgekühlt war, um wieder angefasst zu werden (zum Bodentrommeln hatte er auch den anderen Handschuh abwerfen müssen), ja, sie lag ausgesprochen warm in seiner Hand; und er richtete sie auf den Despoten und drückte ab.. Der nadelfeine Strahl durchschnitt den Raum und -

- prallte kurz vor dem Tandor auf irgendein sehr widerspenstiges Nichts, bildete für Zehntelsekunden einen Flammenmantel rund um dieses Nichts, das den Tandor umgab - und erlosch.

571 drückte nicht noch einmal auf den Auslöser. Eine Frau Lot hätte nicht erstarrter sein können. Ein Nichts, dem Strahler widerstehend -

Der Tandor öffnete die Augen und sagte: "Ich verstehe nicht, dass mein Volk mich nicht liebt. Wo ich doch ein ausgesprochener Musikliebhaber bin. Dir verdanke ich vieles. Und wenn ich jeden töte - ich könnte es - der mir ans Dreiäugige will, wäre ich bald allein auf diesem verdammten verseuchten Planeten, dem ich meine einsame Mutation, aber auch meine mir manchmal unerträgliche Größe verdanke. Heute und jetzt verdankst du meiner hervorragenden Laune dein Leben. Nimm dies Licht und lass dich von ihm führen..."

Direkt vor 571's Gesicht erschien ein kleiner gelber Lichtball, tänzelnd wie ein irrlichternder Kolibri. Ein Summton erklang, der ihn an seinen Digitalwecker auf dem Regal im Lagerbüro erinnerte. An seinen brummenden Schädel jeden Morgen. An seinen Unwillen am Leben des gehassten Lagerleiters. Das sardonisch grinsende Gesicht des Sternenrichters, als ihm anläßlich seiner zwangsweisen "Beförderung" aus dem Palast ins Lager eben dieser Quarzwecker von eben diesem Sternenrichter als "persönliches Geschenk SEINER GROSSARTIGKEIT DES TANDORS VON DEMORILLA" überreicht wurde...

571 erwachte aus seiner Erstarrung und stellte fest, dass er seinen Lichtnadler noch immer in der Hand hielt, die Sonderwaffe aller tandorischen Beamten, Mündung nach vorne auf den Despoten gerichtet, der erneut unter seinem Kopfhörer meditierte. Er schien den Attentatsversuch bereits völlig vergessen zu haben: das schlimmste Verbrechen in Demorilla, der Mordversuch am Tandor, hatte nicht stattgefunden. Keine Palastwache rannte herbei, ihm den Sternenrichter vorzuführen, der ihn grinsend zum Tode durch Schallqual verurteilen würde. Kein kalkweißer Gerichtssaal mit dem Sternenemblem des Tandors, über dem Richtertisch schwebend, erwartete ihn...

571 versuchte nicht mehr, etwas zu verstehen.

Der Summton wurde lauter.

571 steckte mit zitternden Fingern die Waffe ins Halfter, gab seinen Widerstand auf und folgte dem Licht, als es sich in Bewegung setzte -

Er hörte den Tandor seufzen, als beklage dieser für sich die Ungerechtigkeit der Welt.

Und das Summen wurde leiser. Seine Handschuhe blieben auf dem Bodenmosaik im Thronsaal, Zeugen des absonderlichsten Vorgangs, den der Lagerleiter sich vorzustellen vermochte. Wie oft hatte er sich ausgemalt, der große Märtyrer zu sein, der die Welt vom Tandor befreite - um dann aus einem idiotischen Tagtraum aufzuwachen, wie er es nannte. Bilder von Prozessen gegen wirkliche Attentäter schlichen sich dann ein und zeugten Entsetzen... Nun war es geschehen, er hatte seinen Traum verwirklicht - aber nun war es auch wieder nicht geschehen; und - er hatte wieder nur geträumt?

Nein, er trug seine Handschuhe nicht - sie waren zurückgeblieben. Und von einem Bittgang zum Tandor träumt man auch nicht unbedingt...

Es war unbegreiflich. Der Tandor pflegte jegliche Verletzung seiner GESETZE DER STERNE DER STRAHLENSCHRIFT gnadenlos zu ahnden. Zu Zeiten wusste er nicht genügend Beamte zu Lagerleitern zu befördern (denn soviele Lager gab es nicht), kaum, dass er die Kapseln abschaltete.

Trommle den falschen Rhythmus, wenn der Tandor erscheint, und das Lager winkt dir zur Erlösung!! So der Wahlspruch von 571's Barackenstadt im Schlamm - und nun ein solches Erlebnis.

Er hörte das Stampfen seiner Stiefel. Der führende Lichtball war wohl mehr Symbol als für ihn erforderlich: ihn brauchte man nicht zur Musikkammer zu führen. Auch wenn er sie nie betreten hatte: er kannte den Weg.

Verzweifelt klammerte er sich an die Hoffnung, daß die Kammer vielleicht doch nicht tödlich sein würde.

Sein Herz klopfte immer heftiger; und als er versuchte, die ihm in der Ausbildung antrainierte Organkontrolle einzusetzen, versagte sie völlig. Seine Angst saß diesmal tiefer als von außen aufgesetzte Impulse, so wirkungsvoll sie auch sein mochten.

Das Bewusstsein, in den Tod zu laufen, war stärker, hämmerte, überspülte sein Inneres. Unversehens geriet er in Atemnot, blieb einen Moment stehen, um die schwarzen Wellen vor seinen Augen zu bekämpfen.

Der Lichtball verharrte - der Summton verstärkte sich - eine unmissverständliche Aufforderung, seinen Weg fortzusetzen.

"Ruhig", sagte er leise vor sich hin, "ruhig, ruhig - willst ja nicht vorher umfallen!"

Wieso eigentlich nicht? Bliebe ihm nicht einiges erspart, wenn er jetzt auf der Stelle umfiele? Mausetot, mausetot...

"Nein!" knurrte er und kämpfte seine Schwäche nieder, mit mehreren tiefen Atemzügen.

"Der Tandor ließ mich nicht töten, als ich auf ihn schoss, warum sollte er mich in der Musikkammer töten wollen?" redete er sich ein. Und: "Was er WERNHERS SEGMENT nannte, klang doch angenehm. Warum sollte ich in der Kammer sterben...?"

Ein paar Schritte blieb er stumm.

"Warum sollte ich in der Kammer sterben?"

Wieder ein paar Schritte. Der Summton war kaum noch vernehmbar, aber dennoch in der Luft - ständig, ständig...

"Warum?"

Aber es half nichts.

Automatisch bestimmten seine Beine ihren Weg. Der Summton forderte ihn nachhaltiger.

Seine Stiefel dröhnten einen langen Gang hinunter. Er passierte eine der vielen Ziertreppen im RADIOAKTIVUM, die in der Luft endeten und nirgendwohin führten. Er bemerkte sie nicht.

Streicherakkord aus Wirbelsitzung 719 im Wirkungstest prüfen lassen...

Worte, einem Peitschenhieb gleich, direkt hinter seinen Augen.

Vertrauen. Ich muss Vertrauen in das Schicksal haben, predigte er sich in Gedanken. Ich habe die Schläge des Rivalen meines Vaters in der Überlebenshöhle überstanden und ein dreizehnmal gebrochenes Bein ohne Gips und Brot und Drogen -

Vertrauen...

Ich starb nicht, als der Anzug riss und das Greiferbaby in den Schlitz schlüpfte, um mich zu verspeisen und der Schnellreparierer versagte. Das Bein trägt viele Narben, aber ich lebe.

Vielleicht waren alle anderen zu schwach und ich bin stark und lache über die Kammer und -

Es war zu unwahrscheinlich.

Wernher, du spinnst. Sieh den Tatsachen ins Auge. Damals, im alten New York (das jetzt Gerippe ist und fürchterlich heiß und die einzige Bombe des Krieges in seinen Trümmern birgt, die nicht detonierte), damals - hatte die Wahrsagerin recht? Als sie ihm kleinen Jungen sagte:

"Du stirbst erst nach dem Atombrand. Ich, wenn der Krieg beginnt!"

... die alte Hexe mit eisgrauen Haaren bis zum Po und den tausendfaltigen Brüsten und diesen unglaublich jungen Augen, die so gar nicht zu ihr passen wollten: der erste Treffer blies ihr Haus den nächsten Hügel am Fluß hinauf....

Acht Jahre alt war er damals. Rotzfrecher Stadtknirps, der gern die Schule schwänzte und zu den Slums, zu seiner Hexe fuhr, die meist in ihrer Hütte an einem kleinen Feuer saß und Meskal-Kakteen kaute und nur einen löchrigen Rock trug, den sie auch mal verlor, wenn sie aufstand, um ein Stück süßes Brot von einem Wandbrett für ihren Jungen zu holen. Was sie durchaus nicht in Verlegenheit brachte. Die Welt hielt sie eh für verderbt. Sie bückte sich dann, faltete das Tuch in aller Ruhe erneut um ihre Hüfte und holte dann das Brot. Sie war sein Geheimnis, die Hexe, die von allen, außer von ihm, gemieden wurde, weil sie düstere Visionen hätte. Nicht einmal sein Vater wusste davon.

Hatte sie wirklich recht?

Seine Augen begannen zu brennen, als der Summton anschwoll. Der Lichtball intensivierte sich. Er hatte, ohne es zu bemerken, eine Art abschließenden Flur betreten - eine röhrenförmige Brücke zwischen zwei Gebäuden des RADIOAKTIVUMS. Die Wände der hohlen Brücke leuchteten fluoreszierend grün, zwei Reihen Fenster links und rechts ließen einen erschreckenden Blick zu auf die mit winzigen Haarflammen bedeckten Außenmauern der Tandorresidenz. Das RADIOAKTIVUM schien ständig zu brennen.

Nunmehr war die Zone erreicht, in der niemand (auf keinen Fall) stehen bleiben durfte - eine der vielen Unerklärlichkeiten im "häuslichen" Reglement des Herrschers.

571 bemerkte, dass er bereits relativ gefasst der nächsten Stunde ins Auge sah: die Erinnerung an überstandene Situationen äußerster Lebensgefahr und Qual hatte ihn gestärkt - und seltsam: er konnte es sich nicht so recht erklären, warum, aber ein bestimmt-energisches Gefühl suggerierte ihm, dassüseine Hexe recht hatte.

Nein, "nach dem Atombrand" hieß: nicht jetzt. Jetzt war der Atombrand noch in vollem Gange. Schau hinaus. Da siehst du die Mauern mit Flammenflaum, der nicht wächst, aber auch keine Lücken bekommt - nein, er würde jetzt nicht sterben.

Die Kammer war nicht mehr weit. Er beschleunigte seinen Schritt, bevor ihn erneut Zweifel plagen konnten, wollte es hinter sich haben.

Jetzt nur kein Grübeln mehr. Voran. Hindurch. Keine Frage, keine Frage, nur keine Frage mehr. Er presste beide Hände auf die Ohren, um sein Gehör zu schonen. Der Summton zog sich zurück aus seinem Kopf. Er schien nur noch von weither zu nerven - aber nicht mehr so störend. Wie für jemand anderen bestimmt. Er brachte es fertig, jene Gedankenstille in sich zu erzeugen, die der Kampfanspannung vorausgehen musste - Konditionatorvorspiel:

571 atmete kontrolliert, spielte weiterschreitend, sämtliche Muskeln durch, erhöhte seine Pulsfrequenz um etwa vierzig Schläge, zog seine Bauchmuskulatur an und entspannte sie wieder, begann, auf Zehenspitzen, federnd zu laufen - er hätte jetzt auf dem Stand drei Meter hoch springen können.

Seine Nerven standen unter Starkstrom, von ihm willentlich erzeugt.

Bevor Lagerleiter 571 die GOLDENE TÜR der Musikkammer vor sich wahrnahm, hatte er sich in eine vom Konditionator kontrollierte Kampfmaschine verwandelt, lauernd, explosionsbereit, überlebensbereit...

* * *

Eine große Uhr über der GOLDENEN TÜRE zeigte zwölf-achtunddreißig.

Der Lichtball verschwand. Der Summton verstummte.

Und wenn er nun einfach zurückging?

"Los", brummte er in sich hinein, "gehört zum Spiel, versuche..."

Auf Zehenspitzen machte er kehrt, die Arme weit ausgestreckt, Hände in Schlaghaltung, falls aus dem "Nichts" wer auftauche, ganz eintrainierter Reflex, machte einen Schritt -

- und schrie auf.

Ein schmerzhafter Stromschlag zuckte durch seinen Körper, seine Kampfhaltung platzte wie ein Kinderluftballon, es hatte nie einen Konditionator gegeben - schwer atmend sank er in die Knie...

'Die Bestie denkt an alles', dröhnte es in ihm, derweil er sein eigenes Wimmern vernahm und der Schmerz erst langsam, lang-sam nachließ, 'das probieren wohl alle...'

Er machte erst gar keinen weiteren Versuch, zu kämpfen. Er richtete sich auf. Sehr zögerlich kehrte ein Rest von Kraft in seine Muskeln zurück.

AUS, lamentierte es drinnen,

AUS AUS AUS....

... und ließ ihn in dieser einen langen Sekunde nicht los:

AUS AUS AUS AUS AUS ----

Wer wollte wohl nicht zurück - wer flöhe wohl nicht vor der goldenen Türe, angstschreiend oder auf Kampf eingestellt...

Tägliche Instruktion: bei schweren Vergehen MUSIKKAMMER...

Täglicher Wechsel: was ist ein schweres Vergehen...

Tägliche Panik: was heute korrekt, kann morgen ein schweres Vergehen sein...

Tägliche Gewißheit: Sternenrichters Gnadenlosigkeit...

Tägliche Sinnlos-Gewißheit: einen Sternenrichter zu töten, um Rache zu üben. Die Strafe dafür: man wurde zum Sternenrichter konditioniert...

Tägliches Grundgesetz: Das Qualenprogramm der Tandors war perfekt, denn: Die Sterne sind böse...

Als 571 sich umdrehte, dauerte das lange. Seine Beine flatterten. Schwindel: alle Kraft wollte ihn erneut verlassen - es dauerte eine volle Minute....

Und die Tür stand offen!

Und er vermochte nicht zu glauben, was er sah, schloss die Augen, öffnete sie wieder, sah dennoch, was er sah. Das Bild blieb, so unglaublich es war:

In der Tür stand ein schlankes Mädchen, ausgestattet mit einer überwältigenden Portion Exoterie, augenscheinlich eine der sagenhaften Geliebten des Tandors, eine makellose Schönheit ohne Nachatomkriegsnarben, bekleidet mit einem bodenlangen, amorphen Gewand. Haarlos. Unmöglich! Unter dem Hauch von Stoff nacktes Mädchen mit leuchtend golden lackierten Höfen um die Brustknospen und der schwarzen, eintätowierten Rose genau zwischen dem Bauchnabel und dem haarlosen Geschlecht...

'Wernher, nimm dich zusammen', befahl sich der Lagerleiter - er atmete schwer und seine Augen brannten - 'nimm dich zusammen; dies hier ist kein Märchenfilm. Halluzinationen sind jetzt und hier keineswegs angesagt...

...das ist nicht wahr...

... du bist auf dem Weg zur Hölle, es gibt hier keine Tandorgeliebte...'

Doch das Bild blieb: der haarlose Kopf - das Sternenemblem auf der Stirn -

Die Bilder, die er betrachten konnte, als er noch die tandorische Videosammlung zu verwalten hatte...

"Tritt ein!" sagte das Mädchen; und ihre Stimme war der Beweis.

Eine Szene flog 571 durch den Sinn:

Nackte Tandorgeliebte vor ihm in der Luft, den Kopf mit Diamanten übersät, ihre erregt weit weit aufgerissenen Augen. In der Luft schwebte sie, zehn Zentimeter über dem Bodenmosaik, von ihm gehalten, hingegegeben den Bewegungen des göttlichen Spiels, das nicht stattfand und das satte Grinsen des Dreiäugigen...

Filmriss...

Ja, das Video endete in einem Bandsalat. Er entsann sich seines saftigen Fluchs.

"Komm", sagte das Mädchen, und sie war wirklich.

Kein Film, kein Film...

Konnte man aus schierer Todesangst Halluzinationen bekommen? Oder hatte der Stromschlag wie eine Droge gewirkt, ihn in eine Art surreale Scheinwelt stoßend? Ein leichter Luftzug ließ das zarte Gewand des Mädchens um ihre Beine schwingen, er spürte den Hauch an seinen Händen.

"Komm, tritt ein!" wiederholte das Mädchen.

"Aber - ", brachte er mühselig hervor, "aber ich... ich..."

Er hatte den Salat geordnet und einen Riss geklebt. Die Tandorgeliebte auf dem Rücken in der Luft, beide Hände innen an den Oberschenkeln, ihre sorgfältig rasierte Geschlechtumgebung massierend und ab und an, mit einem Aufbäumen des Unterkörpers, das Zentrum...

"Nein, nein, nein!" stöhnte 571.

Das Mädchen flimmerte herbei, um ein Haar wurde ihm schwarz vor Augen, als er ihre sanfte Hand an seinem Arm spürte und die gesammelte Vibration ihres Körpers auf ihn überzuspringen schien...

... und der Tandor, unruhig in seinem imaginären Sessel hin und her rutschend und die spitzen Schreie der immer wilderen Geliebten, die jetzt ihre Arme und Beine weit von sich gab und der Tandor telekinetisierte mit ihr...

Es war der einzige Film dieser Art, den er gesehen hatte.

"Das schreckliche Märchen Musikkammer in den Köpfen der Leute von DEMORILLA ist die perverse Phantasie einiger Höflinge." sagte das Mädchen. Ihre Hand blieb ruhig auf seinem Arm liegen.

Ihre Stimme klang für ihn wie das Schnurren einer Katze.

Der leichte Unterton von koketter Raffinesse stimulierte ihn nachdrücklich.

... das geil schreiende Mädchen, Punktstrahler auf dem "diamantenen" Kopf, dass feinste Lichtblitze in alle Richtungen zuckten. Die vorgestreckten Arme des Tandors. Schweißperlen auf seiner Stirn und das Mädchen, das dann Purzelbäume schlug in der Luft und...

"Wach auf. Hier ist keine schreckliche Endstation. Lass uns eine Plauderstunde halten. Die Wege des Tandors sind kompliziert..."

Ihre Stimme schnurrte tatsächlich.

... und der Tandor, der sich erhob und nach dem Mädchen griff und die Diamanten purzelten auf den Boden und klangen wie winzige Orgelspielplättchen und das Mädchen zuckte, zitterte am ganzen Körper und...

Wild schüttelte 571 den Kopf, als gelte es, die bedrängenden Vergangenheitsbilder abzuschütteln; seine Nase nahm den Geruch der Tandorgeliebten wahr.

Er nahm einen tiefen Atemzug und spürte, wie er sich entspannte.

Also gut, Wernher, nimm es hin. Vielleicht ist angenehmer, so zu sterben, als im Lager weiterzuleben.

Die junge Frau lächelte und verstärkte ihren Griff. Er schaute ihr in die Augen. Unvermittelt fühlte er ihr tiefes Verständnis seiner Situation.

"Sei nicht so geschockt", sagte sie, "Ich weiß, wie dir zumute ist. Sicher bin ich eine šberraschung ersten Grades für dich, nicht wahr?"

Er folgte ihr nunmehr ins Innere der Kammer. Und was er sah (ein "Ooooh!" brachte er unter Schlucken hervor) unterschied sich vollständig von den Mythen im Volksmund...

Der Volksmund kannte die Kammer als viereckigen Würfel, der kalkweiß gestrichen war und permanent nach einem scharfen Reinigungsmittel roch, das ein FOLGENDER anwendete, um das Blut der Deliquenten zu entfernen, die sich selbst zerfleischt hatten, einem kargen Sessel in der Mitte, der eingebaute Hand- und Fußschellen aufwies und eine Lautsprecherkette unter der Decke.

Was sich ihm hier darbot, war ein wohlausgestatteter, allerdings nicht ganz stilechter mittelalterlicher Raum. Er kannte verschiedene Sujets dieser Art aus antiken Geschichtsfilmen.

In der Mitte stand eine Tafel aus glatt gehobelten rohen Eichenbrettern mit sorgfältig gewachster Oberfläche - sie strahlte tatsächlich den Duft von frischem Wachs aus, so, als wäre sie in letzter Zeit neu behandelt worden. Um sie herum sechs einfach anmutende Stühle aus kostbarem dunklen Holz. Acht Meter lang etwa die Seitenwände des Raumes, die Wand in 571's Blickfeld wurde in der Mitte von einem offenen Kamin unterbrochen, in dem echte Scheite brannten. Echte Scheite! Wann hätte man so etwas schon gesehen? Die filigrane, reingoldene Einfassung des Kamins wirkte dagegen keinesfalls sensationell, was sie zu anderen, weniger höllischen Zeiten sicherlich gewesen wäre.

Die Scheite knisterten.

571 schloss die Augen.

Die Scheite knisterten...

571 öffnete die Augen und glaubte es.

Sein Blick blieb haften an einem riesigen, einem trutzigen, einem nun nachgerade unmöglichen Ahnenbild über dem Kamin, brüchig die Leinwand an den Rändern und teils im Gewande des Dargestellten... irgendein antiker Fürst oder König oder Kaiser mit hochmütigem Blick und sorgfältig pomadisierten Schnurrbart und einem blitzenden handtellergroßen klaren Kristall auf der offenen, dem Betrachter zugewandten rechten Hand. Der Mund des Dargestellten leicht offen, als sage er etwas, als sage er:"Nun staune nicht so, ich bin's!"

571 schluckte und ließ seinen Blick weiterwandern, derweil die Tandorgeliebte still verharrte und ihm lächelnd Zeit ließ, die Szenerie in sich aufzunehmen und zu verkraften.

Quer zum Kamin streckte sich von Wand zu Wand, als sozusagen unbekümmerter Stilbruch, ein wahrhaft paradiesisches, mit seidenen Tüchern in den verschiedensten Pastellfarben überworfenes Lager: blind schauten die Glasaugen aus dem Kopf eines Eisbären, dessen Fell wohl "Bettvorleger" sein sollte.

571 schüttelte leise knurrend seinen Kopf und schaute dann noch einmal hin: was er sah, war und blieb ein Eisbärfell. Dabei wusste er: es gab keine Eisbären mehr. Der weltweite Brand hatte auch ihnen, diesen großen schönen Tieren, von denen es auch vor dem Krieg nur noch wenige gab, den Garaus gemacht. Es konnte sich bei diesem Fell also nur um eine geschickte Nachahmung handeln.

Er gab es auf, sich irgendetwas erklären zu wollen - sein Blick verharrte kurz an der gegenüberliegenden Wand: uralte, handgeschmiedete Jagdwaffen hingen dort - aus einer unfassbar frühen Epoche stammend. Nirgendwo im Raum war ein Anzeichen moderner Technologie zu sehen. Vielarmige Kerzenleuchter an den Wänden - er zählte sie nicht.

Das Mädchen ließ seinen Arm los, drehte sich lachend einmal um sich selbst, dass das Hauchgewand Sekunden zu schweben schien, purzelte auf das Lager, das seufzte unter ihrem Aufprall.

571 fasste sich ein Herz und glaubte seinen Augen.

"Es ist doch schön hier!" sagte das Mädchen.

"Ja", erwiderte 571, "ja, es ist schön hier."

Sicher, er glaubte seinen Augen, fühlte sich aber wie jemand, der etwas vollkommen Unglaubliches zu glauben sich widerwillig bereit findet - sein Kopf, stellte er fest, war leer, wie leergefegt, stäubchensteril, kein Gedanke möglich in diesen Sekunden, Stille innerlich, zuviel überstanden....

Und dann, wie aus einer hohlen Tiefe:

Das Mädchen, lang ausgestreckt auf dem Mosaik, alle Viere von sich gestreckt, der Tandor, auf seinem Bildschirm die Musikkammer beobachtend... tatsächlich ein Sessel in einem weißen Raum. Eine Person im Sessel, hand- und fußschellenfixiert... Lautsprecherbatterie unter der Decke...

571 stöhnnte auf. Der Film! Natürlich! Auf dem Film hatte er den Tandor den Monitor betrachten sehen.

... Sessel in einem weißen Raum...

Der Volksmund konnte also nicht so sehr danebenliegen.

Und dies hier...? Was war dies hier? Doch nur eine Halluzination? Nun, das konnte er sehr leicht feststellen. Wenn dies alles eine Halluzination war, musste er ja auch durch...

Entschlossen schritt er auf die Tafel zu, ansatzweise Kampfhaltung einnehmend. Wenn er sich alles nur einbildete, dürfte der Tisch...

Aber das Eichenholz war Eichenholz und blieb Eichenholz und war hart und wies seinen Bauch nachdrücklich darauf hin, dass es Eichenholz war und als echtes, handfestes, reales Naturerzeugnis akzeptiert werden wollte.

"Nun glaub es endlich!" sagte das Mädchen.

Er tastete mit seinen Händen das gewachste Holz ab, trieb sich dabei einen Splitter in die Handfläche - es schmerzte, überzeugte. Er zog sich den Splitter aus der Haut und ein Tropfen Blut trat aus einer winzigen, tatsächlichen Wunde...

"Ich habe einmal einen Film gesehen... als ich Bibliothekar gewesen", keuchte 571, "und da, da beobachtete der Tandor einen Verurteilten in der Kammer. Mittels Monitor. Ich habe nichts von schwatzhaften Höflingen erfahren. Ich - ich glaube, ich weiß überhaupt nichts mehr!"

"Die Musikkammer ist ein sehr variabler Ort", antwortete das Mädchen, "wirklich ein sehr variabler Ort."

Auf eine einladende Geste des Mädchens hin setzte er sich zu ihr.

"Trotzdem verstehe ich nicht, was das Ganze hier soll!" nuschelte er mehr in sich hinein, hob dann den Kopf, schaute dem Mädchen direkt in die Augen und fragte:

"Kannst du mir erzählen, wieso die Kammer jetzt, zu diesem Zeitpunkt, wenn ich die zweifelhafte Ehre genieße, Insasse der mutmaßlichen Lärmhölle-An-Sich zu sein, so aussieht? Wieso du hier bist?"

571 erschrak über seinen eigenen Mut. Aber langsam reichte es ihm. Gottseidank (und jetzt schien es ihm besonders segensreich) gehörte es zu seinen Grundcharaktereigenschaften, daß ihn nie etwas lange gründlich aus der Fassung bringen konnte.

Was er jetzt erlebte, machte ihn, wenn auch unter Herzpuckern, wie er bemerkte, nachgerade böse, richtig knurrig; wie ein Kettenhund begann er sich zu fühlen - einem peitschenschwingenden monströsen Herrn gegenüber... nicht einmal die exorbitanten Reize des Mädchens erreichten ihn, da diese Stimmung sein Bewusstsein zu fluten begann.

"Was ich hier will? Diese Frage ist nicht programm..."

Sie bekam ihrerseits einen erschrockenen Ausdruck in die Augen.

571 bemerkte seinen Oberkörper sich anspannen, leicht nach vorne beugen, er war allzeit bereit, dieses unmögliche, wenn auch schöne Fallenwesen neben sich anzufallen, imaginäre Peitsche zerbeißen - in wieviele Stücke...? Sein Atem begann jene leis-schlimme Melodie zu pfeifen, dissonant, zwischen nervös knirschenden Zähnen, die er aus früheren Situationen nur zu gut kannte, wenn's um's Leben ging, wenn er einen Angreifer töten musste.

Es ist doch schön hier! In diesen Sekunden floh ihn sein Schönheitssinn vollständig.

Das Mädchen schien seine Stimmung zu empfangen, denn sie sprang auf vom Lager, trat einen Schritt in den Raum und hob abwehrend ihre Hände.

"Ich bin immer hier!" behauptete sie leise, zu leise.

Nur zu genau erkannte 571, dass sie log. Sie konnte einfach nicht immer hier sein. Sagte sie doch selbst: "Die Kammer ist ein variabler Ort!"...

"Du bist nicht immer hier", widersprach er (und nahm deutlich seinen warnenden Unterton wahr, der schon Lagerinsassen zum Wimmern gebracht hatte), "wenn die Kammer leer ist, weißer Kubus mit Quasi-Elektrostuhl, ein technischer Alptraum, wie ich es im Film gesehen habe..."

DIE FRAGE IST NICHT PROGRAMMIERT.

Der vollständige Satz brannte in ihm. Augenscheinlich hatte der Tandor nicht mit dieser Reaktion auf sein Mädchen gerechnet. Andererseits: Vorsicht - mit Sicherheit hat er uns auf dem Monitor und hört auch alles...

DIE FRAGE IST NICHT PROGRAMMIERT.

"Dieser Ort ist ein Werk des Tandors, ich bin eine Geliebte des Tandors. Wo sein Werk ist, lebt sein Bewusstsein. Also bin ich immer hier!" deklamierte das Mädchen und ihre Stimme war so - so unlebendig. Unvermittelt wirkte sie wie tot, als wäre da ein ehemals wacher Geist aus einem fremdkontrollierten Körper entflohen. Augenscheinlich hatte 571 eine Schutzreaktion gegen weitere, ihrer Instruktion widersprechende Aussagen hervorgerufen. Mit automatisch wirkenden Bewegungen ließ sie sich wieder neben ihm nieder. Auf ihren linken Ellbogen gestützt, wirkte sie wie eine kostbar modellierte Puppe.

Der nun folgende Moment der Stille wirkte fast schmerzhaft.

Sein Kampfzorn legte sich. 571 wurde neugierig. Schließlich kannte er den Unterschied zwischen eingeschalteter Hinterkopf-Kapsel und freiem Denken. Ihre würde wohl eingeschaltet sein... Aber was, um alles in der Strahlenden Wüste willen, hatte sich der unberechenbare GROSSARTIGE dabei gedacht, ihn, der mit seinem Leben schon abgeschlossen hatte, ihn, der schon vor sich sah, wie er sich selbst tiefe Wunden riss gen Exitus, mit einer seiner sklavischen Sex-Kätzchen zu konfrontieren?

Streicherakkord aus Wirbelsitzung 719 im Wirkungstest prüfen lassen...

Es gelang ihm beim besten Willen nicht, einen Zusammenhang herzustellen zwischen der MUSIK VON DEMORILLA, seiner angeblichen Schöpfung WERNHERS SEGMENT und den momentanen Geschehnissen.

Bestenfalls erfassbar, wenn auch diabolisch, dem tiefsten Höllenschlund entstammende Idee, eine absolut massenhypnotisch wirkende Musik zum Instrument der Eroberung der Erde zu machen... da ließ sich noch ein Sinn erkennen. Augenscheinlich hatte er unbewusst, "zufällig" einen Rhytmus geklopft, der über gewisse Modulationen unwiderstehlich wirkte: somit das erste "Basissegment"... dies allerdings bereitete ihm wenig Kopfzerbrechen. Des Tandors Narreteien mit Tönen und Geräuschen waren ja jedermann bekannt. Den Kindern wurden sie abends, nachdem die Kapseln endlich wieder abgeschaltet waren, als genussreich fröhliche Märchen serviert, in denen der Tandor als phantastischer Musikgnom erschien, wohlfeil in einer grausam strahlenden Wirklichkeit, die eigentlich nur Schrecknisse kannte.

Aber die Musikkammer als teilweise stilbrüchig alter Saal mit offenem Kamin, aber ohne die vielen kleinen liebevollen Dinge der Authentizität, brennendes, echtes Holz immerhin im Kamin, die Waffen an der Wand ohne Atombrandschaden... und als Krönung eine fast nackte Tandorgeliebte...? Ihn fordernd mit ihrer unerklärlichen Anwesenheit?

Da streikte sein Verstehen. Gründlichst.

Trotzdem, er wollte jetzt, einmal neugierig-misstrauisch geworden, mehr wissen, unbedingt. Vielleicht, wenn er es geschickt anstellte, konnte er über das Mädchen...

Obwohl der Tandor zuschaute und zuhörte? Nun ja, vielleicht...

"Na gut, dann bist du also immer hier", sagte er in möglichst gelassenem Tonfall, "und was machst du hier?"

"Ich empfange meine Gäste!" Ganz langsam schien sie aus ihrer Betäubung zu erwachen, aus ihren roboterhaften Künstlichsein, Puppe-Sein - dennoch: auch diese Antwort gab sie nicht ganz freiwillig.

"Du empfängst deine Gäste?" 571 ahmte jetzt ihren Tonfall nach.

"Ja, ich..." Stille.

Sie schaute ihm ins Gesicht. Ihre Augen: weit offen, ängstlich.

Als wehe ein innerer Schmerz durch ihre feinen Nerven. Vorsicht, Wernher, wenn der Widerspruch zwischen Kapselbefehl und der eigenen momentan erlebten Wirklichkeit und Psyche zu groß wird, kann es zum Zusammenbruch kommen... Vorsicht, behutsamer, behutsamer. Irgendwo muss ein "Durchgang" sein.

"Die Weisheit des Tandors überstrahlt alle Sterne!" betonte 571, sich im Sitzen zur Grußhaltung kerzenrichtend -

"... und alle Menschen!!" vollendete sie vehement. Er nahm ein erleichtertes Aufatmen bei ihr wahr.

"Es gibt weniges, was mein Wissen von dem des Tandors trennt!" stellte sie fest.

'Na klar', dachte 571, 'schließlich ist die Kapsel eingeschaltet!'

"Du bist eine seiner Geliebten!"

"Das gehört nicht hierhin. Mein Kapselbefehl lässt mir viel eigenen Freiraum, mehr als meinen Kolleginnen. Ich darf noch echte Gefühle haben. Der Tandor hat mich im Übrigen noch nie berührt. Ich soll dich unterhalten."

"Er beobachtet uns!" 571 konnte ein spöttisches Auflachen nicht unterdrücken. "Wahrscheinlich rast er gerade in seinem perversen Thronsaal umher und hat deine Kapsel abgestellt, weil er nicht mehr durchblickt..." murmelte er, gerade so laut, dass sie es hören konnte. "Ich reagiere nicht erwartungsgemäß, das bringt ihn aus dem Rhythmus."

Der Lagerleiter verwunderte sich über seinen eigenen Mut. So leise konnte er nicht flüstern, dass die garantiert versteckt installierten, hochempfindlichen Mikrophone nicht alles übertrugen.

Aber nun war ihm ja anscheinend alles gestattet, schließlich wäre er ansonsten für ein paar Sekunden in diesem bekannten Nebel eingesunken, der sich beim Aktivieren der Kapsel einstellte, und den darauf folgenden automatischen Bewegungs- und Handlungsabläufen, die man zwar von "Innerlich fern" beobachten, aber nicht beeinflussen konnte... diese Schlieren im Bild, als wäre man ein Monitor und kein Lebewesen...

"Schade", sagte das Mädchen, als hätte sie seine Gedanken erraten, "meine Kapsel hat sich soeben abgeschaltet. Ich habe alles vergessen, was ich mit dir tun sollte. Ich glaube, ich sollte mit dir schlafen..."

"Warum wohl?" 571 lachte kurz, aber sein Spott versiegte sofort, blieb ihm regelrecht im Hals stecken. Verdammt, das ganze hier musste doch einen Sinn haben?

Sollte sich doch um die MUSIK VON DEMORILLA drehen?

"Es steht mir nicht zu, mit dir über den Sinn eines Kapselbefehls zu diskutieren. Aber vielleicht wollte er, daß du dich genügend entspannst, um..."

Ihr Ausdruck wechselte erneut, abrupt, auf Angst.

'Zum Teufel', schrie es augenblicklich in 571's Bewusstsein, 'warum habe ich nicht an diese Möglichkeit gedacht? Unser BEIDER Kapseln sind gar nicht abgeschaltet, sondern ohne Befehl in Wartestellung. Das Schwein kann jederzeit eingreifen...

Er fühlte regelrecht den beginnenden Schmerz in ihrem Hinterkopf, das erste Warnzeichen des Beobachtenden. Auch um seine Kapsel begann sich ein brennendes Signal auszubreiten.

"Okay, okay!" fauchte er laut, "schalte die Kapsel richtig ein oder schalte sie ab!"

Als verspotte ihn der GROSSARTIGE, als spiele er genüsslich, verschwand das Brennen. Jetzt musste er das Richtige tun, um zu verhindern, dass der Tandor zu drastisch in die Vorgänge innerhalb ihrer Wesenheiten eingriff. Dabei war schon mancher, der sich zu wehren versuchte, schlicht verstorben...

"Du gefällst mir", murmelte er, an den Schließerchen seiner Kleidung nestelnd, "komm, lass uns miteinander schlafen. So stirbt es sich angenehmer..."

Sie lächelte. Sie verstand sofort. Ihr Gewand schwebte, von leichter Hand geworfen, unter die Tafel. Sie taten es, und sie mogelten nicht, sie taten es wirklich.

Das Brennen in ihren Köpfen kam nicht wieder.

Und während 571 feststellte, dass sie tatsächlich sehr reizvoll war und seine Sinne vollends zum Explodieren brachte -

- begann ein leiser Ton in seinem Kopf zu klopfen, ein einzelner zu einem noch nicht hör-, aber ahnbaren anderen Ton in synkopischer Beziehung pulsend. Ein Basston.

Irgendwie passte er zu ihren Bewegungen, irgendwie schien er dem heftigeren Takt ihrer Herzen angeglichen, irgendwie konnte es gar nicht anders sein, als dass dieser Ton im Raum stand, in ihnen stand - obwohl von verborgenen Lautsprechern stammend... Entfloss der Ton Wernhers hastigerem Atem? Entfloss er den streichelnden Bewegungen ihrer Hand? Entfloss er dem nervösen Wippen seiner Füße, dem Zucken ihrer Hüfte? Von überallher, aus ihnen heraus schien er zu kommen, und langsam wurde er lauter, der Ton, eindringlicher. Er machte ihr lustvolles Tun selbstverständlicher, schien es gar zu dirigieren, ohne dass sie sich wehrten in ihren Spiel oder sich wehren wollten... Andere Basstöne flossen hinein, verfeinert WERNHERS SEGMENT bildend, wie er weit weit am Rande wahrnahm. Ein leise-zärtliches Sirren gesellte sich dazu. Perlender Tonregen gleißte auf, flatterte durch fünf Oktaven abwärts und murmelte im Darm, alle Bauchmuskeln gründlich entspannend...

571 und die Tandorgeliebte vergaßen sich völlig und waren bewusstlos und liebten sich und rollten vom Lager und liebten sich, dass das "kostbare" Fell einige Kunsthaare lassen musste und bemerkten es nicht einmal: was sie taten, gehörte zur Musik!

Immer voller begannen die Töne im Bewusstsein des Lagerleiters zu kreisen, während die Hände der Tandorgeliebten zugriffen, dass sein gesamter Körper vibrierte. Immer tiefer gruben sich Klänge und Rhythmen in ihn hinein und kein Ton und kein Takt waren irgend unangenehm... Ein hoher Frauenchor schwoll mitten in seinem Kopf und verwehte, um ihn kreisend -

- er spürte, wie in ihm etwas explodierte. Wieder einmal - wieder einmal - wieder einmal - wieder einmal... Er hörte die erregten Schreie der Frau in seinem Armen. Dann rollte er von ihr aufs Fell - und sie rankte sich seinen Körper hinan, ihn zu küssen... Die Szene vor seinen Augen wurde ausgesprochen bunt. Mit dem Sound einer voll ausgeklinkten Düse erschien die vorüberhuschende Karosserie eines altertümlichen Turbinenautos als erstes konkretes Erinnerungsbild.

... der Wahnsinnige mit dem Over-Land-Drive in der Stadt und Wernher beim Murmelspiel am Straßenrand und das Klirren der Glasfassaden an der nächsten Kurve: mitten in katholischen Tafelreklamen der rauchende Raser, angeschnallt, betrunken, Papstbild vor der Brust...

Die Bilder waren unerhört plastisch.

"Mama, da, Feuer!" hörte er die leise wimmernde Stimme der an ihn gekuschelten Tandorgeliebten über die Musik hinweg.

Und ein gewaltiger Kesselpaukenwirbel, unterstützt von dem durchdringenden Fiepsen eines Filterlaufs um 7500 Htz., ließ die ersten Flammen in seinem Gehirn flattern. Eine Sirene jaulte sich im Hintergrund von links nach rechts und in ihm war für einen Augenblick nur retten wollen...

... er stand zitternd in der Türe des italienischen Eiskonditors am Stadtrand, fünf Eistüten in der Hand. Was da am Horizont geschah, färbte sein Gesicht rot. Er ließ das Eis fallen. Der Eiskonditor fluchte, rannte zur Tür und erstarrte und schrie "Maria hilf!"...

Die Tandorgeliebte schlug ihre Fingernägel in seine Bauchdecke, als 571 das modulierte Aufdröhnen seines Helms auf dem Thronsaalboden in den stetigen Trommelwirbeln wiedererkannte mit einem Rest Wachsein: ansonsten aber nur fliehen wollte, fliehen, fliehen, weil der Klang unüberwindlich Vergangenes vergegenwärtigte wie zum Test seiner Wirkung - klar:

STREICHERAKKORD AUS WIRBELSITZUNG 719 IM WIRKUNGSTEST PRšFEN LASSEN höhnte hastig der Monitor im Thronsaal, um sofort zu verschwinden im Fluten des Unwiderstehlichen...

Die Tandorgeliebte schien sich in ihm verstecken zu wollen, weit entfernt irgendeiner Wirklichkeitswahrnehmung, gefesselt an die gleiche Erinnerung:

... und er riss sich die Hände vor die Augen und rannte durch etliche kleine Nebengässchen nach Hause; und seine Mutter hing soeben Wäsche auf und er schrie: Mutti, am Horizont, ein Pilz... Und sie griff nach ihm und rannte mit ihm in den Keller und eine Minute danach stürzte sein Vater die Treppe hinunter, zwei riesige Bohlen auf den Schultern, die Decke des Raums zu stützen - zu dritt keilten sie die Bohlen mit Stücken von Anmachholz fest; und er fragte gerade: warum macht ihr das? - da kamen die Hitze und der Sturm und bliesen das Haus weg...

In der Musikkammer entfaltete sich akustisch ein gewaltiges Stürmen, und es schien, als entstünde eine irrelevante, unerträgliche Hitze...

Die Tandorgeliebte neben ihm bäumte sich auf und sank wieder zusammen mitten über ihn, der wie leblos dalag. Hinter den Waffen öffneten sich Schiebetüren in der Wand. Aus der Tafel klappte ein Lautsprecher hoch. Über dem Kamin erschien ein weiterer.

Der heiße, stürmische Sound verschwand und die Bilder zerfaserten und machten der Gegenwart eines lieblichen meditativen Klanges ohne besonderen Rhythmus Platz. Das Mädchen nahm ihre Hände von ihm, sagte noch einmal leise "Mama, da, Feuer..." und es war, als wandle sie sich in eine Schlange, als wolle sie schweben und sich drehen, verzückt und eingewoben in den süßesten Tönen.

Dann puckerte es wieder. Ihre Füße begannen zu trommeln.

Der Sound wurde fordernder, besitzergreifender. 571 taumelte vom Lager hoch und versuchte, das schemenhafte Elfenwesen vor ihm zu ergreifen, mit ihr Trommel zu sein...

Der Sound ließ nur noch die Bilder zu jetzt, kaskadig bei schnellem Wechsel - peitschender Ton:

..." ich habe dir gesagt, ich muss dich strafen!" und er schlug den Unbotmäßigen in der Tür seiner Lagerhütte

Leise schmatzender Ton:

... er küsste die edelmetallene Umfassung ihrer Brustknospen...

Und er versank und sie versank ebenso, es gab keinen Mann mehr und keine Frau - nur der Klang, der Alles-machende, Alles-schöpfende, Alles-bestimmende Klang - Demorilla, alles, alles, Tomkins Desperadoakt, das Lager, der strahlende Schlamm, die Bibliothek, der Film mit der Tandorgeliebten, alles versank in einem Kaleidoskop von Tönen - und es war sch”n, einfach nur sch”n und durfte niemals wieder enden....

... plötzlich erneut das Knistern von Flammen, Sturmgeräusche draußen, berstende Häuserwände und entferntes Schreien...

... sein Vater mit bloßen Händen im freigelegten Erdreich unter dem Keller wühlend. Die knirschenden Stützbohlen...

... sein stures Gesicht....

... von fern klirrende Scheiben und die Crescendos ineinanderrasender Fluchtautos, sinnlos, sinnlos irgendwohin fliehende Verzweifelte, an die verrammelte Kellertür hämmernd...

Als ob Geisterhände zu wirken begännen, schoben sich die Seitenwände des ehemals "mittelalterlichen" Raumes zusammen, geräuschlos - und leises weißes Rauschen, wie ein schwacher Wind von weither, die Ankunft der Stille verkündend, erklang.

... Regierungsbeamte in Schutzanzügen, die Werkzeug zum Vertiefen und Erweitern der Überlebenshöhle brachten. Von der anderen Straßenseite, tödliche Stille störend ein verspätet stürzendes Ladenschild...

... ein Sturzbach bleiummantelter Büchsen die Resttreppe zum ehemaligen Keller und weiter zu ihnen hinunter purzelnd. "Wir haben Glück, dass sie uns fanden." Die leisen, lebenslang unvergesslichen Worte des Vaters...

"Wir haben Glück, dass wir uns fanden!" sagten sich die beiden Engumschlungenen. Sie lagen weltvergessen (ihre Blicke machten nicht den geringsten Lärm und flossen ineinander) auf dem nackten, kühlen Boden eines kubusförmigen, steril-weißen Raumes...

Nach einer geraumen Weile der Stille wieder Klänge: die Musik lud zum Tanzen ein. Sie erwachten wie aus Tieftrance und Tieftraum, sprangen, sich an schweißfeuchten Händen haltend, hoch, hatten bewegungssüchtige Füße und wollten nur noch eines: tanzen...

Tanzen tanzen tanzen...

Der Tandor befahl, die Lautsprecherarmeen zu mobilisieren.

* * *

 

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