Freak Willem 1

 

 

 

 

Freak Willem 1
Freak Willem 2
Demorilla-Musik
Staubgeist Null
Andorons Gesang

 

 

 

 

 

 

1. WILLEM STÜRZT AUF IN HANAFFA

Der Hanaffa-Bericht, Teil 1

Ein letztendlicher Ruck hebt ihn halb aus dem Sitz.

Das nervsägende Kreischen sperrenden Metalls auf den Schienensträngen zeigt Willem an, dass der Zug in einen der vielen belanglosen Bahnhöfe eingelaufen ist.

Sekunden sickern dröge. AugenZu und AugenAuf und AugenZu und...

Sie sickern wie Restbilder von gerade unverständlich Geträumtem.

'Und was du dir für einen Aberwitz zusammenträumst...'

'Ach ja, Cityratte,. du schläfst ja nie...'

'Hat sich mit Cityratte. Da bist Du nach Hause gekommen mit ein bisschen erbeutetem Tabak und hast Dir gesagt: GUTE BEUTE, CITYRATTE! Dass Dir der Höchste, gelobt sei er, das Geschenk einer kurzen Zeit ohne eigenes Investment beschert hat, konntest Du nicht begreifen. Jetzt, da ich BIN, bist Du am Ende, im Nichts. Hättest mich ja nicht erfinden müssen. Selbst schuld - und ich darf wegen Deiner Geistmasturbation existieren.

Willem antwortdenkt jetzt nichts. Er sieht sich allein: außerhalb des Kopfes...

'Niemand sitzt ihm gegenüber. Die Farbe Rot schmuggelt sich ein, derweil er, wie diestverweigernd, träge erwacht. Rotes Kunstleder - da wird ihm bewusst: ein alter DDR-Zug ist's wohl, in dem er sich befindet. Die Bank wirkt nackt, nackt und schmuddelig. An der Abteiltür das groß gemarkerte Logo eines pietätlosen Sprayers.

Und niemand sitzt ihm gegenüber, ihn zu bewahren vor dem Wiederwegsinken, Wiedernichtswissen, Wiedernurträumen...

'Denk nichts: Du wolltest von mir nicht wachgehalten werden.'

Willem ist noch nicht ganz da. Willem will eigentlich gar nicht da sein.

Die Kurzstrecke vom ersten Erinnern über's vollbrachte Leben bis zum Hocken in diesem Irgendwohin-Zug will ihm schwierig sein, als müsse er sich, wie so oft, selbst wieder zusammensetzen.

'Da ist ja wohl nicht viel zusammenzusetzen.'

'Darf ich vielleicht erst einmal zu mir kommen, bevor du beginnst, mich wieder zu beleidigen?'

'Du kommst bestenfalls zu uns!'

Willem will sich aber nicht zusammensetzen... Auch wenn sein Rückfall ins Träumen äußerst unangenehme Seiten haben kann:

> er springt eine treppe hoch. er findet eine offene tür. er stößt sie auf und befindet sich in einem zugabteil. ein freundlicher schwarzhaariger herr sagt: "wir dich nicht machen krankenhaus!"<

'Hey, werd' wach! Willem!! Deine schäbige Große Niederung! Meine Hütte wird immer enger!'

'Wenn dir doch endlich das Dach auf den Kopf fallen würde!'

'Damit kann ich nichts anfangen. Ein Dach ist etwas Materielles!'

Wie war das im Hospital? Wie oft hat er sich gesagt:

'Du fühlst ja nichts mehr. Du wirst ja nicht mehr besoffen. Das Bahnfüllhorn ist auch nicht die Große Niederung, weil du irgendwann kotzt; und dann geht es dir wieder gut; und du säufst weiter. Da geht es keinesfalls lang. Und dann dieser nicht abzustellende Quälgeist im Kopf! Lässt einen nicht alleine denken!'

Und prompt erschien eine der durchschnittlichen Antworten:

'Hättest ja nicht zu dem Anwalt in den Wagen steigen müssen...'

Und prompt erschien eine seiner durchschnittlichen Reaktionen:

'Das werde ich auch für immer verfluchen...'

'Es gehört zu meiner Beweisführung, dass dein Unterfangen sinnlos ist.'

'Erklär' mir nicht, dass du die bescheuerten Zufälle produziert hättest, die mich auf diesen Zug...'

'Jeder ist seines Glückes Schmied!'

'Larifari!'

Er klappert mit den Zähnen einen kurzen, unkontrollierten Takt, er tackert sich kleine Blitze in seinen Kopf - und das leise Innengeräusch wird für ihn zum Nachweis seines Jetztseins, seines Hierseins, seines Reisendenseins, seiner Flucht.

Wer flieht, i s t ...

'Welch großartige Erkenntnis! Wer nicht flieht, kann auch sein...'

'Halts Wort!'

Unvermittelt beneidet er den Zugführer.

Da haben andere Kinder geträumt, Züge zu führen: Weil immer neue Leute, neue Wochenenden zu erleben sind in nicht gesehenen Gegenden, neue Täler, neues Tannenrauschen, wenn ein stärkerer Wind seine Märchen weht und zum offenen Führerhausfenster hereinspricht, derweil der Zug leise, fast von selbst, zu laufen scheint - neue Länder, neue Schranken, neue Bremsen, neue Tunnels, neue Dämmerungen vor dem ersten Amselsingen, manchmal vom peitschenden Regen auf dem Glas begleitet, durch das man die Strecke einsaugt mit immer hungrigen Augen... Die Monotonie einer immer gleichen Strecke im Liniendienst kam in den Kinderträumen nicht vor, die sich Willem vornehmlich von Schulkameraden in den ersten Klassen der Grundschule hat erzählen lassen. Und abends - vor dem Einschlafen - zu großartigen Phantasmagorien ausbaute... Um dann festzustellen, dass es eigentlich nicht sein eigener Traum gewesen.

Indes: Jetzt, heute und hier, beneidet er den Zugführer. Er denkt: Der ist so bescheiden.

Er, Willem, hat als Kind nicht geträumt, Züge zu führen.

Er hat geträumt, Raumschiffe zu führen.

Er hat geträumt, er kämpfe mit seinem Atem, wenn irgendwo unter ihm, dem Wohl-Weggepackten, die Treibstoffbombe explodiert.

Er hat geträumt, er erlebe schwerelos den Blauen Planeten als Spielball, später kleiner und noch kleiner, irgendwann als einen Hemdenknopf, klein dann wie der blaue Kopf einer Ziernadel... und verschwindend schließlich im endlosen Wechsel von Sternenlicht und dem absoluten Schwarz. Es reist klein Willem einem Zielstern entgegen, der er nur erreichen wird, wenn alle Systeme des Schiffs funktionieren, irgendwann, wenn seine Haare ergraut sind, sein Magen verkümmert vom Raum-Fast-Food, seine Sexualität vergessen ist. Er wusste noch nichts von Sexualität, kannte sie lediglich aus Gesprächen Erwachsener, phantasierte, dass ein Langzeitastronaut sie wohl vergessen werde...

Aber jetzt kann er den Zugführertraum nachvollziehen, öffnet das kleine Fenster "seines" Führerhauses und schaut mit selbstverständlichen Blick zum gegenüberliegenden Bahnsteig, auf dem gerade kein Zug steht. Viel mehr als modrigen Putz auf der teilweise noch vom Krieg freigelegten Backsteinmauer des Bahnhofgebäudes sieht er da auch nicht. Vielleicht versucht er, für einen Moment wirklich nichts im Kopf zu haben.

Keine Signale auf der Strecke...

Kein Wissen um die Beschaffenheit der Umgebung nach der nächsten Kurve...

Kein Nachforschen in der Erfahrung der Vergangenheit: Der Bremsensound hat sich geändert, ist dumpfer geworden. Einige Überkreischer fehlen.

'Willem, du wirst in einem Zug gefahren! Du bist Passagier! Du träumst nicht, du träumst nicht, du träumst nicht, du träumst nicht, du träumst nicht!'

'Ist ja gut, ich bin Passagier!'

Selbst, wenn Willen gar nicht ganz wach ist, rattert Jener Hirnkasten beständig los, stürzen Lebenslinien über ihn her, über ihn, der die Linie flieht... Dieser Jener Hirnkasten dreht auf, malträtiert ihn, denkt, erinnert, konstruiert, setzt zusammen und auseinander, hinterfragt und widerlegt und dialogisiert...

'... der versammelte Müll des Universums trifft sich in einem Kasten, der wieder einmal in mir Platz nimmt. Ich soll ihn verarbeiten verdauen recyklen in das Nichts, in irgendwelche unbekannten Gefilde, in denen meine Phantasie noch nicht gewesen ist, noch nicht hingeschnuppert, sich noch nicht eingemischt hat...'

'Das ist eben deine Natur, die du mit deinem bescheuerten Unterfangen zu killen gedenkst.'

'Du spinnst. Man ist doch nicht tot, wenn man seine Phantasie betäubt.'

'Der Tod ist nichts als die Vollnarkose der Phantasie.'

Willems Phantasie schweigt nicht. Sie kann nicht schweigen. Sie ist in einem ratternden Kasten untergebracht, tuckert wie eine vorsintflutliche Lokomotive. Willem befiehlt sich, laut ein nicht vorhandenes Gegenüber ansprechend: "So, jetzt erst einmal d i e s e n Bahnhof betrachten!"

Dieser Bahnhof, der seinem Blick steinbröselig, taubenbeschissen, dezent vernachlässigt vorkommt. Wirft wohl nicht genug ab! Aber er nimmt Platz in Willem und vertreibt 'verarbeiten verdauen recyklen...'

Hat er nicht vorhin bei der "Göttlichen Dame" auf der kissengeschmückten Couch gesessen? Voller Furcht vor Pistolenmännern?

"Danach wir bringen dich Friedhof!"

Wieder arm und voller Angst?

'Erinnere dich an die Fünfhundert in deiner Gesäßtasche!'

'Dein erster guter Vorschlag!'

'Ich bin nicht entstanden, um dir Vorschläge zu machen!'

'Ich weiß, du bist nur zum Ätzen entstanden.'

'Nur Materielles kann ätzen!'

'Du Hirnfurz!'

Es sickert. Willem ist wohl nicht nur vor den "Schwarzköpfen"...

"Wir bringen dich Chef!"

... nein, nicht nur vor der Lebensgefahr geflohen. Natürlich: Er ist geflohen vor der Tatsache, dass sich in Berlin die Große Niederung nicht finden lässt - oder dass es für ihn zumindest so aussieht. Hat er sich nicht gedacht: Diese Stadt ist das Monster, das sie ihm vorenthält, das ihm weismachen will, da gäbe es keine Große Niederung, weil der grausame Schützer, Engel genannt, sich mangels anderer Klientel auf Willem konzentriert? In ungreiflichen Gestalten auftritt? Wie die der "Göttlichen Dame"? Vom Höchsten für ihn abkommandiert?

In sein - nun verbranntes - altes Tagebuch hat er geschrieben: "Der unüberriechbare spezielle Duft erhitzten Öls auf U-Bahnschienen ist die Große Niederung. Er macht alle Bahnhöfe gleich. Das immer Gleiche ist's...." Also gut, er ist vorhin, vor Stunden, noch in Berlin gewesen, ist in einen beliebigen Zug gestiegen. Und musste bemerken, dass jeder Schritt ihn daran erinnert, wie schwach, wie...

u n a u s g e h e i l t

... er sich in Wahrheit fühlt.

Der wievielte Bahnhof? Er hat sie nicht gezählt, die aufgezäumten Baracken, die der wilde Wind wegweh'n kann.

Kaum aus Berlin heraus, hat er nur schlafen wollen, richtig vergessen... Schlafen, tiefer schlafen, keine üblichen Traumbilder erleben, die immer schmutziger werden und so eigentümlich reizvoll zugleich.

Sein Hintern fühlt sich durchgesessen an.

Wieso ist er nicht auf die Idee gekommen, sich langzulegen?

'Weil du nie auf eine Idee kommst!'

'Werde mich an deinen dummen Zynismus gewöhnen!'

'Was heißt hier: dummer Zynismus? Auch der leergesoffenste geistige Flachwichser hält seine hervorerbrochenen Sprüche für wahrhaft wichtig, sagenswert und intelligent! Da ich weder einen Magen, den man mit Alkohol füllen könnte, noch einen Mund besitze, aus dem Dummheit hervorerbrochen werden kann, ist ja wohl klar, dass mein Zynismus nicht dumm sein kann!'

'Nett windige Beweisführung!'

Die Frage stand immer noch im Raum, trotz inneren Unsinns: Wieso hatte er sich nicht hingelegt?

Schließlich hat er Bahnhof für Bahnhof gehofft, dass niemand einen Sitz begehrt in "seinem" Abteil. Keine Lust, jemanden nichtssehend anzusehen und dabei die Stirn glattzuhalten, damit der andere nicht wahrnimmt, dass man über ihn nachdenkt.

Keine Lust, überhaupt über jemanden nachzudenken.

Keine Lust, überhaupt zu denken. Sich von den kürzlichen, unmöglichen Ereignissen erholen.

'Die du selbst produziert hast!'

'G-tt, wenn du doch einmal schweigen könntest!'

Und niemand, niemand ist gekommen, hat seinen Koffer und die Brötchentasche aufs Netz geworfen, um dann nach einer kurzen Begrüßung im Herren- oder Damenmagazin zu versinken - allenfalls einmal aufzuschauen, um zu fragen, ob man denn rauchen dürfe...

Nein, es ist niemand gekommen - und er hätte sich getrost langlegen, seinen heruntergekommenen Körper auf Kunstleder packen und an die todbrünstigen Träume und Erlebnisse der letzten Tage anschließen können...

Hätte er. Will er aber nicht.

Willem ist nicht so einer. Er schließt sich nicht an. Er durchträumt für gewöhnlich neue, rünstigere...

Anscheinend kommt es wirklich nicht darauf an, was er will.

'Denk ich doch immer! Hast du tatsächlich irgendwann in deinem schäbigen Dasein etwas wirklich gewollt?'

'Ja, dass es dich nicht geben würde!'

Er ist sitzengeblieben, nicht einmal die Beine hat er richtig bequem ausgestreckt. Willem ist nicht so einer, der sich bequem ausstreckt.

Vielleicht, weil er in Wirklichkeit gar nicht schlafen will?

Wenn er wenigstens in der landläufigen Mischung aus Erinnerungsbildern und Visionen träumen würde - aber nein: Der "Kleine Tod" gebärdet sich grausam in blutgetränkten Landschaften. Und schwächt dann ab:

"Danach wir bringen dich Friedhof!"

Also besser nicht schlafen.

Aber er will ja schlafen. Aber er muss ja. Unteraugenränder wegschlafen. Dennoch - besser nicht. Blutgetränkte Landschaften....

"Wir bringen dich Chef!"

So ist er sitzengeblieben, aufrecht, mit angezogenen Beinen, trantütendämmrig durch das schmuddelige Fenster auf die vorüberziehende Landschaft schauend. Sich taub und zerrissen fühlend.

Die "Göttliche Dame" vergessen. Ihre Worte, die für immer am Kern seines Seins angedockt haben, Beiboote seines Raumschiffs.

Und nicht einmal das Fenster kann er herunterziehen. Hat sich weit hinausbeugen wollen, so dass ihn der nächste Damm-Mast köpft! Nicht einmal das! Das Fenster klemmt. Er hat versucht, es herunterzuziehen. Jawohl, er hat sich hinausbeugen wollen, um zu erfahren, wie man sich dabei fühlt. Und den nächsten Damm-Mast erwartet.

Und so ist sie vorübergezogen, wie ein Wolkenpüppchen am Frühabendhimmel, die soundsovielte Selbstmordassoziation, ohne dass er es hätte darauf ankommen lassen können.

Willem soll da sein.

"Wollten Sie nicht in Hanaffa aussteigen?"

Das angekratzte Organ des Schaffners...

HANAFFA? Aussteigen?

'Vorhin hast du Depp ihn erst nach der nächsten Station gefragt und dass du aussteigen willst! Dein Hirn funktioniert noch nicht ganz!'

'Muss ich so nebenbei gemacht haben!'

'So nebenbei lebst und stirbst du, wenn du so weitermachst! Vielleicht bist du ja über den embryonalen Zustand nicht hinausgekommen!'

"Ja ja, natürlich - danke!" mault Willem; der Schaffner grinst müde und verschwindet wieder auf dem Gang. Seine Schritte dröhnen in Willems Kopf, als trüge er schwere Armeestiefel - sie scheppern soeben auf der schwankenden Schwelle zwischen zwei Waggons.

Dann steht er auf einem Bahnsteig, den er nicht kennt. Planlos steht er. Hat er ja eigentlich nie kennenlernen wollen, diesen Bahnsteig. Gewiss nicht. Aber nun steht er hier.

Der Zug in seinem Rücken presst seine multiplen Pausengeräusche hervor. Zischend entspannen sich Bremshydrauliken. Irgendwo plätschert Wasser zwischen die Schienen. Fern kommandierende, suchende, fragende Stimmen.

Willem stellt seine Tasche auf den Boden und bleibt erst einmal stehen. Zugestaubte Lampen in seiner Umgebung versuchen schwächlich vergessen zu machen, dass es Nacht wird auch in Hanaffa.

Er lässt das Gefühl in sich wachsen, wie unwichtig es ist, wo er sich befindet. Willem will sich nicht befinden. Willem verweigert Willem. Er lauscht seinem Atem, feiner, innerlicher noch: Es ist ihm, als knacke seine Seele leise, als entsorge der Körper ein paar weitere, immer noch in ihm vandalisierende Heroinmoleküle...

'Welch abstruser Unsinn!'

'Halts Wort!'

"Scheiße", sagt er leise vor sich hin, "ich fürchte, auch hier find' ich's nicht."

Und er hat den Eindruck, dass er etwas sucht, das es niemals gibt und niemals geben kann. Und sofort wehrt er sich: Nein, das kann nicht sein!

Kunststeinplatten unter seinen Füßen verhindern, dass er versinkt. "Warum lebe ich nicht in einer Welt ohne Boden?" fragt er lauter und erwartet die Antwort der "Anderen Stimme" in seinem noch tauben Kopf. Die Antwort erscheint nicht. Zwei graubemantelte Herren mit alu-gerahmten Taschen schauen befremdet hinter Kassenbrillen hervor und sind schon vorüber. Rasierwasserduftwolke einen Moment.

Willem steht einfach.

Der lange Drache in seinem Rücken schnaubt und bewegt sich - Willem will ihn nicht hören. Er steht immer noch, als der Zug schon auf freier Strecke beschleunigt.

Irgendwann bewegen sich dann seine Beine. Er geht die paar Schritte zur nächsten Wartebank, setzt sich, zieht aus einer aufgenähten Tasche an seinem rechten Stiefel eine Zigarette hervor, zündet sie an, raucht. Die Zigarette kratzt im Hals.

'Sie sollte dir den Hals zerkratzen!'

'Du denkst lapidar dein Todesurteil!'

'Wenn du abtrittst, heißt das noch lange nicht, dass ein Geistwesen wie ich keinen neuen Wirt findet.'

'Wieso soll mir die Zigarette den Hals zerkratzen?'

'Nur so weit, dass es dich schmerzt. Und du nicht mehr rauchst.'

'Das geht nur mich etwas an. Nur mich!'

'Ich bin du!'

'Du bist nichts weiter als ein pathologisches Syndrom in meinem Schädel!'

'Eines, das du besser verschweigst, wenn du nicht in der Nervenklinik landen willst!'

Willem schluckt. Wenn da wenigstens ein "Geist aus der Flasche" erscheinen würde, den er zwar nicht anfassen, aber wenigstens sehen könnte. Willem streckt seinen Rücken durch und beschließt, hinzunehmen, was nicht änderbar scheint.

Was jetzt? Jetzt hat er doch eigentlich, was er wollte: Er befindet sich im Nichts. Hier kennt ihn niemand. Wunderbar. Jetzt muss nur noch sein Bewegungsdrang absterben - dann kann er hier sitzenbleiben, bis ein Restbewusster, der noch etwas wahrnimmt und nicht nur an allem vorbeiläuft, ihn, Willem, das Skelett mit Haut, entdeckt und in letzter Sekunde rettet. Denn sterben will er ja nicht.

Sitzenbleiben, derweil der gedankenlose Blick zum hundertsten Mal über eine braune Ziegelsteinwand wandert, deren Fugen in der "bedrohlichen" Nachtnähe immer weniger zu erkennen sind...

Hände auf den Knien, pro Stunde ein Blick auf die schwarzgewordenen Fingernägel. Absurde Vorstellung.

Willem klammert sich an seine Zigarette.

Was jetzt?

Nein, nein, einfach sitzenbleiben? Nein! Spätestens nach zwei Stunden fragt einen ein Bahnbeamter, auf welchen Zug man denn warte. Gewisslich!

Verkehrte Welt! Wenn er auf etwas wartet, will man ihn zu Eile und Bewegung zwingen. Wenn er auf nichts wartet, wird er gefragt, worauf er wartet.

'Du solltest deine idiotischen Hirnschrauben abstellen.'

'Halts Wort!'

Er versucht, sein Drumherum zu ignorieren. Es beruhigt sich deutlich - nach dem Entschwinden des Zuges. Sternförmig verteilen sich die Lemminge ins Niedagewesen.

Er geht nicht - er joggt fast durch die Schalterstube, missachtet die haarsprayblonde Schönheit hinter Glas und den Zeitschriftenkasten mit Sex und Donald Duck und Computermagazinen und Strickmusterheften und steht dann auf einem schmalen, gepflasterten Bürgersteig einem halben Stern von Straßen gegenüber. Ihm fällt auf, dass hier nicht alle paar Meter ein Hundekothaufen zu sehen ist wie in Berlin.

Nach rechts führt die Straße lediglich auf einen großflächigen, von einer einsamen Laterne beleuchteten Hof, der wohl zur Bahn gehört - einige obskure Fahrzeuge stehen still und rostig.

Willem richtet seinen Blick geradeaus.

Links und rechts der Straße, die er vor sich sieht, schmutzregen-vergraut wirkende Einfamilienhäuser, Spitzdach an Spitzdach, die zwangsläufigen Balkone im ersten Stock nur um Kleinigkeiten verschieden. Putz bröckelt von allen. Die Lichtkörper an den Masten der Straßenbeleuchtung sind so verstadtluft und taubenbeschissen, dass man sie ohne wesentlichen Unterschied auch abschalten könnte. Zwischen dem dritten und vierten Haus eine Unterbrechung: "KONDITOREI SCHLICHMEIER" verkündet ein kleines, aber grell leuchtendes Neonwort.

Irgendwo vorne verschwindet die Straße in einem sanften Bogen nach links. Kurz vorher, auch links, erkennt er das typische Biermarkenschild mit seinen Musketieren... Eine Reihenhausgaststätte winkt dort.

"Jawohl", murmelt er leise, als sei ein unsichtbarer Unbekannter in der Nähe, der es hören und zu seinen Ungunsten benutzen könne, "jawohl - womit beginnt man zu niedern in einer Stadt, die man nicht kennt? In einer Kneipe. Also hin, Freak!"

'In einer Kneipe - in einer Kneipe! Wie oft soll ich's wiederholen: die Grosse Niederung findest du nicht im Außen! Dein Blödsinn ist nichts als Selbstverweigerung!'

Willem verkneift sich diesmal einen Gedankenkommentar. Vielmehr bemerkt er, dass es ihm nicht den leisesten Stich in der Seele macht: das Wort "Freak". Er murmelt es sogar. Heraus aus der Selbstbelobhudelung... Welch Wandel!

"Ich muss taub sein! Nicht tot - taub!"

Laut sagt er es. Das Wort Selbstbelobhudelung schickt er in den riesigen Wattebausch da hinten im Kopf...

Willem erschrickt über seinem Ton. Der will ihm hallend erscheinen. Er wendet den Kopf erschrocken links rechts... links rechts...

Niemand in der Nähe, der hätte befremdlich schauen können.

'Vielleicht wirst du morgen ja mal wach.'

'... nicht tot taub... nicht tot taub... nicht tot taub.... nicht tot taub.... wandern ihm drei Worte hinter der Stirn hin und her im Rhythmus seiner Schritte, die erst zögerlich sicher werden wollen, Boden greifend, signalisierend, dass der, den sie transportieren, eine klare Zielabsicht hat...

'Setz' dich doch einfach erst mal irgendwohin...!'

'Ach halt's Wort, verdammt!'

Willem zürnt sich. Aber er geht weiter.

Dann steht er vor der Kneipe - und irgendwie zieht es ihm den Hals zu.

Das etwa einen Quadratmeter große Fenster links neben der Tür gibt einen kümmerlichen Blick frei in einen schlauchartigen Raum, der früher zwei Zimmer gewesen sein wird - einen Blick durch staubiges, mindestens zwei Monate nicht geputztes Glas, durch einen Schlitz zwischen den beiden Hälften einer Blümchengardine.

Rechts die lange Theke nach hinten in eine diffuse Dämmerung.

Über der Theke eine fliegenleichengepflasterte Neonleuchte.

Zwangsläufig: Der wohlbebauchte Wirt, der aus fetthängenden Wangen herauszublinzeln scheint auf die schwarzen Plastikgriffe seiner Bierhähne.

An der linken Seite unter einem großen Hirschgeweih ein besetzter Tisch, an dem man Karten spielt. Im Gespräch mit dem Zapfer ein Mann im Arbeitsoverall eines Fassadenmalers: Beim Sprechen scheint sich nur der Mund zu bewegen, während der Rest des Gesichtes starr bleibt.

Hinten an der Theke zwei weitere Männer in ungebügelten Anzügen, kneipenerprobten Anzügen, denen man das Bier der vorigen Woche noch anriechen wird...

Bei Willem wird nicht nur das Gesicht starr, sondern der ganze Mann. Soll er da reingehen?

'Da du auf meine Warnungen eh nicht hörst: bittschön, hinein in den Sumpf!'

Soll er wirklich da reingehen? Das ist ja - das ist ja ein fettiges Nichts!

'Ein Nichts kann nicht fettig sein!'

'Ist doch nur ein Bild, Blödgeist!'

Aber vielleicht tut sich ja im fettigen Nichts eine Große Niederung auf?

Der Overall hebt soeben seinen rechten Ärmel, die Hand hält ein massives Bierglas, der Kopf über dem Overall nickt, ein schwulstlippiger Mund mit großen, zackig zerbrochenen schmutzigen Restzähnen öffnet sich und der Inhalt des Glases verschwindet mit einem Zug. Ein Adamsapfel hüpft, als wolle er den Kragenknopf sprengen.

Der Wirt nimmt das Glas entgegen, wäscht es, stellt es unter einen der vier Hähne seiner Zapfanlage.

Und Willem sagt sich: "Das sind ja Monsterzähne - von denen möchte ich nicht gebissen werden.!" Vorsichtig sagt er das, leise zu seinem Spiegelbild in der ungeputzten Fensterscheibe.

Wenn er als Kind nächtens nach der Mutter rief: "Mama, Mama, da will mich ein Monster..." - dann pflegte sie zu sagen: "Dummerchen, träum' genau hin - da ist kein Monster, da ist ein Rosettenmeerschweinchen!"

Okay, da steht also kein Monster, da steht ein Rosettenmeerschweinchen an der Theke. Kein Grund, nicht hineinzugehen.

'Du Mogelpackung!'

'Du Kopfkakerlake!'

'Da diese Gattung über einen Körper verfügt, passt das nicht zu mir.'

'Kannst du mich jetzt bitte für eine Weile in Ruhe lassen, ja?'

'Nun denn... Erklär' mir aber später nicht, dass ich dich nicht gewarnt hätte. Dies - ich denk's dir, ist ein fremder Planet!'

'Ach - Scheiß!'

Also: Willem betritt den fettigen Rauch, trotz der Warnung des Zweitdenkers, atmet, bemerkt er, besser erst einmal nicht. Und es ist, als hält sein Erscheinen die Hände an: Einige Karten stehen Sekunden in der Luft. Still wird's.

Willem spürt's den Rücken hinunter: Jahrhunderte bereits hat diese Kneipe niemand betreten - außer den drei Herren, den blattkranken, für immer angetrunkenen Spielern, die ihren Grand-Hand mit dem Tod austragen, den zwei an der Theke abgestellten Schaufensterpuppen für Altherrenmode und dem Rosettenmeerschweinchen im Overall; und jetzt ist die Sensation perfekt: ein Außerhanaffer an diesem Platz des ewigen Skats!

Die Kneipe ist wie in Eis eingelegt, die Gestalten für eine Sekundenewigkeit eingefroren.

Still ist es, ja, eisig still, einzelne Atemgeräusche splitten Risse ins Eis. Die Rippen der Normheizung knacken unter dem Kälteschock. Die Pflanzen auf der Fensterbank ziehen ihre rudimentären Blüten ein.

Willem möchte sich in dieser Sekunde gern klein machen, ganz winzig klein, fähig, unter jeglicher Tür hindurchzuschlüpfen, und schnell verschwinden.

Er bleibt.

Zwischen den zwei Herren und dem Overallburschen nimmt er auf einem Barhocker Platz. Der Wirt überspielt die stille Szene, indem er so tut, als nehme er sie nicht wahr, trocknet sich die Hände demonstrativ an seiner schmuddeligen Schürze, greift erneut an einen Hahn, blickt auf das ins Glas rinnende Schäumchen und sagt: "Häbbäht, wat luursd'e, nuoch ene Kuurte?" ('Herbert, was guckst du - noch einen Kurzen?')

"Häbbäht" brummt mit - deutlich erkennbar - suffkratziger Stimme: "Joh, joh, et küönne oach zweeij sen!" ('Ja, ja, es können auch zwei sein!') und lacht mit greisig-meckriger Stimme, als habe er einen köstlichen Witz vom Stapel gelassen. Die Pflanzen auf der Fensterbank, so wähnt es Willem, richten ihre Blüten wieder auf, die Heizung knackt nicht weiter.

Skathände sinken. Murmelnd erst, dann wieder "normal" redend, setzen die Herren am Tisch ihr Spiel fort - Willem ist nur eine kurze Sensation gewesen.

"Wat spillst'e net dä Köannisch us, do Heini - hättst'e duch wesse küönne, dat dä Jeflabbte noch'n Daam op de Fööß hätt!" ("Warum spielst du nicht den König aus - hättest du doch wissen können, dass der Verrückte noch eine Dame "auf den Füßen hat"!")

"Wenn de m'r esu küss, denn jeww'sch d'r enne Dreyfache, dat'e de Schnüss vuoll kreß..." ("Wenn du mir so kommst, dann gebe ich dir einen Dreifachen, damit du die Schnauze voll bekommst...") sagt der Wirt, streng an dem neuen Gast vorbeischauend, zu "Häbbäht", der sich gerade aufrichtet, ein knurriges Gesicht bekommt und antwortet: "Dat jlöövs du'n esch net, dat esch 'ns de Schnüss vollkrieje!" (Das glaubst du und ich nicht, dass ich einmal die Schnauze voll bekomme!")

Irgendwie gelähmt wähnt sich Willem.

Fluchtimpuls...

Er bewegt sich nicht - nur den Kopf ein wenig; und er betrachtet die Flaschengalerie hinter dem Wirt eingehend, als überlege er, welchen von den Scharfen er denn nun wählen soll - er überlegt aber nicht. Er fühlt sich wie Kara ben Nemsi in Arabistan.

"Di konns de jo och han, di Kaat - un dann hätt'ä ne Krüggse druoppjedonn!" ("Die konntest du ja auch haben, die Karte - und dann hätte er einen Kreuzer draufgetan!")

Eine andere Stimme mischt sich ein, sonor und hallig, als komme sie aus einem riesigen Mund - sie klingt wie aus dem unteren Stockwerk einer Gruft:

"Esch hätt e'ne Hätze drupjedonn!" ("Ich hätte einen Herzer draufgetan!")

Draußen kracht ein wohl mit Sand beladener Laster - die schmutzigen Fenster, schlecht verkittet, klappern, das Tragebrett des Geweihs wird für eine Sekunde zur Rassel - der krachende, sprotzende Motor übertönt die Skatspieler - Willem kriecht in sich zusammen, wäre liebstens ein Blatt Papier, das von einem Kind zum Flieger gefaltet und geworfen wird zur Toilette hin und den Papierkorb trifft...

Pfütze Schweiß sammelt sich zwischen seinen Po-Backen. Himmel, ist das so anstrengend, sich nichts anmerken zu lassen?

Der Wirt scheint ihn erst jetzt wahrzunehmen. Er hebt nur leicht seine Augenbrauen und sagt:

"Esch han d'sch zwaa no'net jesenn hee, ewwer'sch nämm aan, de wüdds jähn e Biea drenke?" ("Ich habe dich zwar noch nicht gesehen hier, aber ich nehme an, du würdest gerne ein Bier trinken?")

Willem versteht nur "Bier" und nickt.

Er reflektiert kurz, derweil er seinen Rücken durchstreckt, darüber, ob er sich denn befindet. Nicht wo, sondern ob.

Ist er also wirklich, nachdem ihn "hilfsbereite" Leute in die Flucht schlugen, auf den Zug nach Nirgendwo gestiegen, hat sich unterwegs, aus welchen Gründen auch immer, vielleicht, weil das Wort so angenehm klingt, für HANAFFA als Reiseziel entschieden? Oder liegt er betrunken auf einer Bank kurz vor dem Erwachen? Wird sogleich sein Kopf brummen wie sonstwas und sein Rücken streifige Muskelquerelen vom Lattenliegen melden?

Kommt dann wieder: Nase Heroin und Sechserpack Bier drauf, zwei Brötchen vom Bäcker, die stinkige Teewurst aus der Jacke - der Tag kann beginnen, kann verdämmert werden? Dröge die Kantstraße runterlatschen, Blick zum Boden - nur nicht jemandem in die Augen schauen, man könnte den Schützenden Engel auf den Plan rufen... Von unten her, von unten hoch der Geruch "jahrelang" nicht gewaschener Strümpfe? Sich mischend mit dem stärkeren Odem aus den Gullys?

'So leicht kannst du nicht vor deinen unsinnigen Dingern fliehen! Ist ja noch schöner: Du erschlägst einen - und dann hast du es nur geträumt, wie?'

'Ich erschlage keinen. Und lass mich wenigstens jetzt und hier in Ruhe, verflixt!'

'Okay, okay...'

"Bess äwwer'ne schtelle Puursch höügg!" ("Bist aber ein stiller Bursche heute!") sagt der Wirt; und seine Wangen zucken wie nervös, derweil er Willem unverhohlen betrachtet.

Das Rosettenmeerschweinchen nickt ein paarmal vor sich hin und klopft mit dem Bierglas auf die Theke.

"Höügg häs'de et äwwer wedd'r iilisch, Häbbäht, dressvoll ze werde!" ("Heute hast du es aber wieder eilig, Herbert, scheißevoll zu werden!") brummt der Wirt und auch sein Grinsen wirkt jetzt fettig.

Willem wirft den wirren Wunsch, sich das hier als Restsufftraumgebilde, oder, noch übler, abstürziger, als Heroinwahnrestsufftraumgebilde zu erklären, in seinen Hirncontainer... und gesteht sich ein, dass er sich im Lande einer fremden Sprache befindet. Kara ben Nemsi in Arabistan. Aber er befindet sich doch in Deutschland! Oder? Hat die Realität kurz mal ihr Gesicht gewandelt, so holterdipoltermirnichtsdirnichts reden fremde Leute am selben Platz fremde Sprachen? Nein, verflucht, das hier ist nur ein Dialekt. Nur - ha!

'Der Herr versucht sich im Schnellmerken!'

'Deine Ironie ist zum Kotzen!'

"Et senn emmea de schtelle Puurschte, de am iertste dressvoll weade woulle!" ("Es sind immer die stillen Burschen, die ehestens scheißevoll werden wollen!") philosophiert Rosettenmeerschweinchen. "Jeww dämm Joung ene Kuurte!" ("Gib dem Jungen einen Kurzen!")

Willem sagt: "Ich trinke keinen Schnaps!"

Das Rosettenmeerschweinchen wendet sich Willem zu, entblöst seine riesigen Wrackzähne und lässt zwei winzige weiße, aber auffällige Schaumkügelchen an den Mundwinkeln erscheinen - in einen Faltenkreis eingepackte wassergraue Augen mustern Willem ungeniert - nicht einmal fragend.

Irgendwie hat Willem den Satz verstanden, weiß aber nicht, wie er reagieren soll. Sein Grundsatz, keine Einladung abzulehnen, kollidiert mit dem Widerwillen, den ihm das Rosettenmeerschweinchen macht.

"Wirklich gut gemeint!" sagt er. Herzklopfig.

Wie war das?

'Man stellt sich erst einmal vor, bevor man eine Einladung annimmt oder ablehnt!'

'Danke, Herr Knigge!'

Aber wie stellt man sich einem Rosettenmeerschweinchen im bepinselten, beklecksten Overall vor, das riesige Ruinen im Mund zeigt und fremdsprachig ist?

'Stopp' den Kindervergleich!'

'Lass mich jetzt zufrieden - endlich. Ich komm' sonst hier überhaupt nicht klar!'

Der Wirt fördert aus seinem Eisfach ein weißdampfendes Schnapsglas zutage, greift mit tausendfach geübter Drehung nach hinten blind ins Regal und lässt aus der Flasche die Tröpfchen ins Glas rinnen, mit dem Gesichtsausdruck der Bedeutung dieser Handlung, die niemand so elegant auszuführen in der Lage ist wie er, der Wirt von der Absteige in Hanaffa. Willem erlebt diesen Akt in Zeitlupe, während er sich den Kopf zermartert, ob er nun dem Rosettenmeerschweinchen das Gesicht zuwenden soll und ---

In diesem Moment wird die Tür aufgeschlagen. Sie kracht seitlich auf die Garderobe. Ein etwa zwölfjähriges Mädchen stürzt herein, ein braunschopfiges Wesen, eingepackt in Jeanshosen mit einem blumigen Kleidchen darüber, hochaufgeregt, tränennass. Das Mädchen streift Willem, ohne ihn wahrzunehmen und wirft sich einem der beiden Knittrigbekleideten an die Brust.

"Se han dä Hannes erussjeschmesse!" ("Sie haben den Hannes hinausgeworfen!")

Jetzt werden die beiden Schaufensterpuppen für Altherrenmode überraschend lebendig.

"Rääsch d'sch enet esu op, Leevje, koum, rääsch d'sch enet op - me han et doch jewuoß, dat et esu net wegger jon kunnt!" ("Reg' dich nicht so auf, Liebchen, reg' dich nicht auf, wir haben es doch gewusst, dass es so nicht weitergehen konnte!") sagt die eine Schaufensterpuppe. Und die andere klopft das Mädchen beruhigend auf den Rücken... klapp, klapp, streichelt ihm über den Kopf, klopft ihm auf den Rücken... klapp klapp. Und sagt: "Dä Hannes sääht äwwea uoch: Aabeet, jank fott, esch koumme!" ("Der Hannes sagt aber auch: Arbeit, geh weg, ich komme!")

Und klopft einmal kräftig auf die Theke und wendet sich sodann einer hinteren Räumlichkeit, wohl der Toilette zu. Die andere Puppe brüllt sofort: "Kuuat, hal de Muul, do bes och net emmea dä Aabeet hüngeaherjeloofe, als de noch in dinge Aanzoch jepass häss und net us de ejene Botzebeen erusfalle könns, wenn de net de Thek zom Haale hätt's!"  

("Kurt, halt dein Maul, du bist auch nicht immer der Arbeit hinterhergelaufen, als du noch in deinen Anzug gepasst hast und nicht aus deinen eigenen Hosenbeinen herausfallen könntest, wenn du nicht die Theke zum Halten hättest!")

Und die andere ruft von hinten, bevor sie die Tür zur Toilette öffnet: "Hätte m'r dä joode Adolf noch, dann hätt dinge Hannes net esu jefuulenz' - dat kanns'de jlööwe!" (Hätten wir den guten Adolf noch, dann hätte dein Hannes nicht so gefaulenzt. Das kannst du glauben!")

Obwohl Willem eigentlich nichts versteht, versteht er "Adolf" und den Rest des Satzes - und als der alte Mann im Knitter - diese plötzlich selbstagierende wächserne Schaufensterpuppe - die Toilettentür zuschlägt, wird ihm übel. Speiübel wird ihm. Willem kämpft mit seinem Magen. Dies allerdings hat er in der Stadt gelernt: Übelkeit hinzunehmen, ohne sich eine Blöße zu geben, anderen nicht vor die Füße zu gießen, was ihn nähren sollt'... Willem wird weiß. Er schaut in den Spiegel vor sich zwischen den Alkoholika und sieht, wie weiß er ist: Willem hasst das Wort "Adolf".

'Was du hasst, hast du nicht überwunden!'

'Der Herr Scheißphilosoph!'

"Se hann äwwea jesaaht, dat se dä Hannes net erusschmiieße!" ("Sie haben aber gesagt, dass sie den Hannes nicht hinauswerfen!") mault das Mädchen in trotzigem Ton, salzwassert ihren Mund und wischt sich mit dem linken Kleidärmel über die Augen.

Der alte Mann im Knitter, wohl der Großvater, sorgt sich deutlich. Er zieht einen Barhocker heran, greift seiner Enkelin unter die Arme und setzt sie darauf. Willem steigt von seinem herunter, schiebt ihn ein Stück zur Seite, höflich, wie er sich zu sein bemüht, und plaziert sich wieder.

Erst dann bemerkt er, dass er sich ein unangenehmes Stück näher herangeschoben hat an das Rosettenmeerschweinchen, das nun an ihm vorbei greift zu dem spendierten Schnaps, der somit nur für eine halbe Minute etwas abseits von Willem die Theke geziert hat, und das Glas zu Willem heranzieht, der sich, immer noch seinem Magen die Ruhe zudenkend, etwas zurücklehnt, um dem respektablen Arm nicht im Weg zu sein.

"Ich heiße Willem!" sagt er zaghaft.

'Zeig mir bloß keine Unterwürfigkeit. Höflich, aber bestimmt. Weißt du noch: Frick hat Klasse - sagte dein Vater!'

'Hast wohl in meiner Vergangenheit rumgekramt?'

Die großen Zahnruinen bewegen sich, als kauten sie, und der andere fragt: "Wo küss de lanns, Joung?" ("Wo kommst du her, Junge?")

Irgendwie versteht er jetzt, bleibt aber wortkarg. "Aus Berlin!"

Der Großvater sagt laut. "Jäww dämm nerwööse Diersche wat'ze drenke!" ("Gib dem nervösen Tierchen was zu trinken!")

Das Mädchen patscht heftig, heftig mit der Rechten auf die Theke, dass nahestehende Gläser wanken:

"Äwwea dä Hannes hätt m'r jesaaht, dat 'se en de lätzte Zegg nua joot han aabeede jesinn!" ("Aber der Hannes hat mir gesagt, dass sie ihn die letzte Zeit nur gut haben arbeiten gesehen!")

Einer der Skatspieler ruft vom Tisch herauf: "Bes ens jet ruuisch, Leevche, un drenk dinge Zitsch! Dä Hannes widd je woll noch'n andäre Aabeet krieje!" ("Sei einmal ruhig, Liebchen, und trinke deine Limonade! Der Hannes wird ja wohl noch eine andere Arbeit bekommen!")

Der Großvater wendet sich ihm zu und knurrt: "Haal desch druß, Düres, do häs joa et mietste höüngea diea. Luua en de Kaate: Zwa Dreß op de Fote, äwwea net emoal dinge Nullowea kanns'de spelle!" ("Halte dich raus, Theodor, du hast ja das meiste hinter dir. Zwar Scheiße auf den Pfoten, aber nicht einmal deinen null-ouvert kannst du spielen!")

Der Wirt fragt: "Eene Zitsch, Leewche, füür dä fuule Hannes?" ("Eine Limonade, Liebchen, für den faulen Hannes?") und Willem verwirren sich die Stimmen im Kopf. Und da ist das eisglänzende Glas auf der Theke!

"Häbbäht" wendet sich dem Raum zu. Er klopft sich mit der Linken demonstrativ vor die Stirn und lamentiert:

"Uss Bählin kütt dä Joung - kütt esu jans newwenbey hee'erinn un sääht nüüß un drenk noch net'ns dä Kuuate, dä esch'm jäwwe! Un sääht nüüß!" ("Aus Berlin kommt der Junge - kommt so ganz nebenbei hier herein und sagt nichts und trinkt noch nicht einmal den Kurzen, den ich ihm gebe! Und sagt nichts!")

"Häbbäht!" mahnt der Wirt, der seine Pappenheimer kennt.

"D Hannes es net fuul!" ("Der Hannes ist nicht faul!") kreischt das Mädchen.

Aus der hinteren Räumlichkeit das Geräusch einer schütteren Toilettenspülung.

Herbert schlägt mit der Faust auf die Theke und drängt erbost:

"Höüngea met dämm Kuuate!" ("Hinter mit dem Kurzen!")

"Häbbäht!" brüllt jetzt auch der Wirt. "Häbbäht!"

Herbert aber ist bereits nicht mehr zu halten - putz die Schranke weg: Ich bin mit mir bewaffnet - er ist nicht mehr zu beruhigen, nicht mehr erreichbar für den Wirt oder irgendwen. Bläst seine Brust auf; soll wohl bedrohlich wirken für jeden auch nur imaginären Angreifer, stößt Willem mit einem, scheints, stählernen Finger knapp über den Solarplexus, dass dieser redlich Mühe hat, sich auf dem Barhocker zu halten - und knurrt:

"Nua weyl'de us de Haubstadd küss, dässha'b bes'de noch kenne bässere Minsch aals esue'ne Dräggschrubbea wi esch. Luua de bluoß deng Jeseesch aan, Joung, dann kanns'de senn, dat de net wenieje däämlisch luuas wie e'ne Hanaffea - janüüß em Schädl, nixx en de Häng, net eamoal ne aanständije Koffea dobey, ewwea ze feyn senn, de Muul obzedoun un met'm Aaschlouch vuom Hanffdaal ze drenke... Dat ham'me jähn: ne Jeflabbte us de Stadt, dä net met m'r drenke deed - dat jidd et net. Höüngea met dämm Kuate!" (Nur weil du aus der Haupstadt kommst, deshalb bist du noch kein besserer Mensch als so ein Dreckschrubber wie ich. Schau dir nur dein Gesicht an, Junge, dann kannst du sehen, dass du nicht weniger dämlich bist, als ein Hanaffer - nichts im Schädel, nichts in den Händen, nicht einmal ein anständiger Koffer dabei, aber zu fein sein, den Mund aufzutun und mit einem Arschloch vom Hanftal zu trinken... Das haben wir gerne: Ein Verrückter aus der Stadt, der nicht mit mir trinken tut - das gibt es nicht. Hinter mit dem Kurzen!")

Willems Herz beginnt jetzt nachdrücklich zu klopfen, seine Halsschlagader morst ihm Furcht.

'Es gibt kein größeres Leid als das, was man sich selbst antut!'

'Miese Kopfnatter!'

'Eine Natter ist...'

'... materieller Natur, ich kann also bla bla... Du wiederholst dich.'

Der innere Dialog läßt Willem sekundenlang regungslos bleiben. Wenige Worte, die er verstanden hat, "Hauptstadt" etwa oder "Schädel" oder "Koffer" oder "Arschloch"... die tief westerwäldisch-rheinländischen Worte, schnell und hitzig aus der maroden Zahnstube gesprüht, bündeln nur eine einzige Bedrohung, die ihm gilt und die er nicht versteht.

"Ich verstehe nicht, was Sie da sagen!" versucht er die Situation abzuschwächen, was den Overallmann, nein, das Monster, nein das Rosettenmeerschweinchen erst recht in Rage bringt:

"Hüüart'e dat? Hatt'e dat jehüüat? Ä säät, ä krett et net met, wat esch saare. Red esch türkisch? Esch han äm jesaat, ä suoll dä Kuuate nämme - un dä säät, ä v'rsteet mesch net. Ey, saach ens, dä well mesch v'raasche!" ("Hört ihr das? Habt ihr das gehört? Er sagt, er kriegt es nicht mit, was ich sage! Rede ich türkisch? Ich habe ihm gesagt, er soll den Kurzen nehmen - und der sagt, er versteht mich nicht. Ey, sag' einmal, der will mich verarschen!")

Der Wirt versucht, seinen Gast zu beruhigen: "Häbbäht, aale Dresskopp, dä v'rsteet desch em Eanz net. Jewww et draahn!. Oda häs de huögg noch keanem op de Schnüss jeklopp, weyl ding Aaal desch net eraanjelosse hätt? Häbbäht, dat ham'e at ens jesaat, loss et bliewe! LOSS ET BLIEWE!" ("Herbert, alter Scheißkopf, der versteht dich im Ernst nicht! Gib es dran! Oder hast du heute noch keinen auf die Schnauze geklopft, weil deine Alte dich nicht rangelassen hat? Herbert, das haben wir schon einmal gesagt: Lass es bleiben! LASS ES BLEIBEN!")

In Willems Kopf macht sich ein höhnisches Gekicher breit.

'Na, jetzt solltest du ganz kleine Brötchen backen! '

'Das kann ich mir selbst sagen.'

'Ich sag's dir ja.'

'Sag mir lieber, was ich jetzt machen soll, anstatt mich auszulachen!'

Keine Antwort. Und "Häbbäht" gerät außer Kontrolle. In Willem versteinert sich etwas: Als panzere, als schlagfeste er sich vorbereitend. Er kennt das Gefühl. Wieder würgt er, wieder will er etwas nicht begreifen.

"Vezäll m'r nüüß, esch kenn ming Lüggsche - un de Bäliner woren at immea de rischtije schluchije Type: Die ve'stonn immea mi, als se zojewwe - nä nää, dä well net met mier suffe. Demm jewwe esch minge Kuuate!" ("Erzähl mir nichts, ich kenne meine Leute - und die Berliner waren bereits immer die richtig raffiniert-hintertriebenen Typen: Die verstehen mehr, als sie zugeben - nein , nein, der will nicht mit mir saufen! Dem gebe ich meinen Kurzen!")

"Dä Häbbäht blöahs öm sesch. Me schpelle hüngea weggea!" ("Der Herbert bläst um sich. Wir spielen hinten weiter!") sagt einer der Skatherren. Man kennt Herbert. Die drei Kartenspieler erheben sich. Willem versucht, panisch jetzt, irgendetwas, wenigstens ein paar unselige Sinnbrocken zu verstehen, als das Rosettenmeerschweinchen jenes inzwischen nicht mehr kältedampfende Schnapsglas von der Theke nimmt und Willem den widerlichen Korn ins Gesicht gießt.

Dann fasst er - Willem prustet noch verständnislos - den "Bälinea" beidseitig an die Jacke und zerrt ihn so heftig an sich heran, dass es regelrecht knallt... Willem hat das Gefühl, auf eine Eisenbrust gepresst zu werden. Die Augen des großen Mannes sind jetzt gerötet monströs und seltsam unerreichbar, so als stecke ein schwarzer Punkt metertief in seinem Kopf. Für Willem stoppt das All - er atmet nicht, besteht nur noch aus einem hocherregt pochenden Herzen und einem gigantischen "NEIN!" im Kopf.

Das nicht, verdammt, alles, alles, der schwärzeste, auch übelriechendste Hades, aber das nicht - bitte nicht....

Herbert hebt Willem hoch, als wäre unser Freak eine Feder, schwingt herum, setzt Willem ab, so dass dieser korrekt mit dem Rücken zur Tür steht. In Willems Kopf ein tonlos kreischendes Loch.

Herbert holt aus -

"Häbbäht!" schreit der Wirt schrill, fast tuntig.

Und Rosettenmeerschweinchen knurrt, schlägt eine Linke offenbar absichtlich dreißig Zentimeter an Willems Kopf vorbei, gibt ihm dann eine laute, wie tonnenschwere Ohrfeige mit der Rechten, dass es Willems Kopf an seinen Arm stößt - und, derweil er den Arm zurückzieht, reißt er mit schmutzigen Fingernägeln ein tiefes Spurenquartett durch Willems rechte Halsseite und zieht ein Knie an und stößt es mit einem herzhaften: "JAAOOUUU!" dem Armen vor die Brust, dass es ihn hinauswirft durch eine Tür, die sich überraschend leicht öffnet.

Willem wird von Häusern umkreist und spürt nicht, dass seine Glieder aufschlagen auf dem fremden Pflaster - sein Hals brennt. Sein Hals brennt, brennt rechts, brennt nachdrücklich...

'Weg hier, du Idiot, weg hier!' fordert es wie aus weiter Ferne in ihm.

Irgendwie Knochen ordnen, erst den Po auf der Straße spüren, dann aufrichten...

'Reiß dich zusammen, weg hier!' faucht es.

Der Wirt erscheint in der Tür und wirft ihm seine Tasche so zu, dass sie ihn fast im Schritt trifft. Seine Sinne funktionieren trotz Panik, er presst die Beine zusammen und ruckt eine Winzigkeit zur Seite. Die Tasche verfehlt seine Hoden.

Von fern hört er das wütende Organ des Wirtes durch die noch offene Kneipentür:

"Häbbäht, muoß de dat eyjentlich med jeedäm Främde maache? E Jlüöck, dat diie Beamte opp'm Reviea am Laache sen, wen ene kütt und sääht, ä wär us minge Stuoff jefloare.. at weddea dä Häbbäht, saren'se dann. Noch eene Kuate?"

("Herbert, mußt du das eigentlich mit jedem Fremden machen? Ein Glück, dass die Beamten auf dem Revier am Lachen sind, wenn einer kommt und sagt, er wäre aus meiner Stube geflogen... schon wieder der Herbert, sagen sie dann. Noch einen Kurzen?")

"Beym joode Adolf jow et keenea, der us net v'rstande hätt!" ("Beim guten Adolf gab es keinen, der uns nicht verstanden hätte!") sagt eine andere, wohl die Stimme eines der Skatspieler, leiser, verhaltener zwar, aber aufgebracht trotzig, rosettenmeerschweinchensolidarisch....

***

Der Himmel hat sich zugezogen. Hundert Grautöne in Willems schwimmenden Blick verbinden sich zu dem Anthrazit einer hereinbrechenden Nacht.

Er liegt, gestützt auf die wundgestoßenen Ellbögen, eine Minute hart atmend und versucht, nach oben etwas wahrzunehmen, Graugesichte zu vertreiben, noch einen Rest Blau oder einen Stern zu erkennen.

Blut sickert von seiner Schulter abwärts, verklebt seine wenigen Brusthaare mit dem Unterhemd.

Die junge Nacht liegt still und ewig. Nicht einmal ein leiser Wind schleicht um die Häuser, niemand hält sich auf der Straße auf. Aus einem Kellerloch in der Nähe kommen rappelnde Geräusche, vielleicht von einem spät Arbeitenden, vielleicht von einer Katze, die Brennholzstapel umwirft.

Kein Auto, nur ab und zu Hupgeräusche aus einem überlaut laufenden Fernseher ein paar Häuser weiter: im TV hat es wohl soeben eine Autojagd...

"Desch han se woul föneff Menutte in'ne volljedressene Emmea jezopp - esch han esu'en joode Kaat!" ("Dich haben sie wohl fünf Minuten in einen vollgeschissenen Eimer getaucht - ich habe so eine gute Karte!") heiserkreischt es in der Kneipe. Die Kneipe schwankt vor Willems Augen wie bei einem nicht-seismischen Erdbeben.

Er fühlt: Seine linke Wange weitet - ist um Zentimeter geschwollen.

Die Zähne dahinter schmerzen.

Ein wenig blutet es auch im Mund.

Er kaut. Hm, natürlich: Stücker Zahnfleisch...

Er blickt zur Seite: Die von weitem gesehen sanft nach links strebende Kurve wirkt jetzt fast wie ein rechter Winkel.

'Mach was, Freak! Oder willst du, dass man demnächst deinen stinkenden Kadaver von der Straße kratzt? Hey, Freak Willem: Contenance!'

'Miststück!'

'Ein Geist stinkt nicht!'

Aufstehen, aufstehen, sich bücken, die Tasche an sich nehmen, die jetzt wohl Zentner wiegen wird - einfach die ersten Schritte tun, Kopf klar zu kriegen versuchen...

Willem müsste etwas gegen die Blutung unternehmen.

'Sonst läufst du aus dir heraus. Dein-mein verdammter Saft auf die Straße, wo er nicht hingehört. Deine scheißpubertäre Entsozialisierung wird uns noch den Kopf kosten.'

'Du wirst sterben, wenn du mal nicht kommentierst!'

'Ein körperloser Geist stirbt nicht.'

'Na danke. Vermach mir lieber eine Idee, was ich jetzt tun soll, damit du keinen neuen Wirt suchen musst, den du dann schikanierst!'

Dass er aufgestanden ist, sich gebückt, die Tasche an sich genommen hat, die wider Erwarten scheinbar nichts wiegt - dass er geschritten ist, bemerkt er erst, als er die Kurve bereits hinter sich hat.

Diese inneren Dialoge schneiden ihn wohl von der Realität ab. Er fühlt deutlich, dass er gerade jetzt gerade dies nicht brauchen kann. Fast seine gesamte Brust kommt ihm jetzt nass vor, rotnass, lebenssaftgetränkt.

Willem ist nüchtern. Willem ist temperaturlos nüchtern und will einzig - sinnlos - dies nicht erlebt haben. Willem muss etwas tun.

Die andere Stimme schweigt jetzt. Sie macht ihm keinen Vorschlag. Er muss etwas tun.

Soll er irgendwo klingeln? Einfach zur sündhaft teuren Tür eines dieser fremden nächtlichen Undeutschsprachlerhäuser stolpern?

"Jeww dämm Joung eene Kuate!"

Sagt dies der Mann dann an der Tür und lächelt böse-freundlich und gestikuliert nach hinten?

Willem schauderts. Wirklich. Brr.

Es kommt ihm aus dem tiefsten Bauch: "ICH BIN VERLETZT!"

Laut ruft er es, ängstlich, hysterisch, wie ein junges Tier, das nach der sichernden, zu weit entfernten Mutter schreit: "HÖRT IHR; ICH BIN VERLETZT!"

Die stille kleine fremde Stadt antwortet nicht. Der überlaute Fernseher meldet ineinanderkrachende Autos. Willems Worte rinnen die Straße hinunter, echoen in graugeputzten Einfahrten, leiser von den Balkonen, lösen sich auf in der faden Lichtabwesenheit, verlieren sich in Nie-Geschrien.

Fünfzig Meter etwa weiter rechts erkennt er gerade noch so ein kleines Buswartehäuschen mit einer Lattenbank.

Er richtet sich auf, eilt dorthin, wirft den Kopf wie ein verletztes Pferd und seine Tasche voraus. Sie rutscht die letzten Meter unter die Bank, die ächzt unter seinem Gewicht, als sein Hintern hart auf dem Holz landet.

Er fragt sich jetzt nichts mehr. Da läuft er irgendwie aus: Das muss er stoppen. Wirft seine Jacke ab, zornig unter die Bank zu der Tasche. Zieht sein Hemd aus der Hose, zerrt es über den Kopf. Er zerreißt es, seine Hände sind wie Hundezähne, die ihre blutige Beute zerfetzen.

Er ist sich richtig dankbar, als es ihm auf Anhieb gelingt, mehrere wahllose Stücke Stoff zusammenzuknoten und das Ganze als eine Art Notverband um seinen Hals zu winden.

Sein Herz scheint nur noch in den vier Rissen am Hals zu klopfen: und dies überlaut.

Ein vierfaches, sich überschneidendes Morsegetucker, mit unsichtbaren Messerchen verbündet, die sekündlich neue Riefen schneiden in den verletzten Hals: So sticht es.

'Rosettenmeerschweinchens schmutzige Krallen bedrohen auch jetzt noch dein Leben. Die Wunden werden sich entzünden. Jetzt könntest du den Strohrum gebrauchen, mit dem du spontan-blöd gezündelt hast.'

'Kann dein Gefrozzel jetzt nicht brauchen. Hilf mir oder halts Wort, Cityratte!'

Keine Antwort. Für eine Weile hört er nur, dass er um Luft kämpft. Und fühlt in seinem Kopf einen undefinierbaren Bereich, der nicht zu ihm zu gehören scheint, der wie ein Fremdkörper im eigenen Gehirn wirkt - die Wohnstatt der Erscheinung, die er zwar erlebt, aber wohl nie verstehen wird.

Nein, das wird er nie verstehen: Jemand, nicht er selbst, spricht da mit ihm, in ihm. Er nimmt sich vor, einen Psychiater aufzusuchen, wenn er das hier überlebt.

'Man wird nur eine Veränderung deines EEG's feststellen - ich bin nicht zu beweisen.'

'Hoffentlich bist du irgendwann zu vertreiben!'

So hat er sich seine Ankunft im Nirgendwo nun beileibe nicht vorgestellt. Der fulminante Ansturm negativer, für ihn ungünstiger Ereignisse der letzten Tage in Berlin scheint wohl auch hier nicht abzubrechen. Als biete Satan persönlich seine schwarze Schicksalsarmee auf, ihn zu fällen. Ist sein Gedanke, die Große Niederung zu erforschen, wirklich so pubertär, wie die Geiststimme behauptet? Oder stellt sie vielleicht die Stimme SEINER EMINENZ, DES BÖSEN dar?

'Unsinn! Du wirst mich eine pathologische, unfallbedingte Abspaltung deines Geistes nennen, wenn du versuchst, mich zu erklären! Du erlebst mich real. Der BÖSE hingegen ist nichts als eine schwache Wahnidee von Vertretern des ambivalenten Universalgedankens, der Höchste brauche zum Existieren sein Gegenteil!

'Ich brauch' jetzt beileibe kein intellektuelles Geschwafel!'

Er schaut sich um: Die Reihe der Spitzgiebel setzt sich fort noch etwa zweihundertfünfzig Meter; dann kreuzen große Schaufenster, wohl die eines Supermarkts, die Straße. Sie sind pro forma schwach erleuchtet, so dass Willem sie trotz der Dunkelheit erkennt und auch ihr Sujet. Spärlich bekleidete Sommerdamen kunstreizen...

Von irgendwoher eine Stimme, leise erst, dann, sich nähernd, brummiger werdend. Willem kennt die Stimme.

Es ist die des Rosettenmeerschweinchens. Willem fühlt sich unendlich schwach - und nun das...

"Muss das denn sein?" will er sich entrüsten und hält den Mund.

Ein wenig steckt er den Kopf vor und schaut kurz nach links: Natürlich, es ist "Häbbäht". Hält den Kopf gesenkt und die Beine etwas breit, Stand zu wahren. Grummelt, brummt vor sich hin.

Willem vergisst seinen Hals. Seine Schultermuskeln werden zu Stein.

Was nun?

Wenn er das verkommene Haltestellenhäuschen verlässt, könnte das Rosettenmeerschweinchen ihn wahrnehmen. Möglich, dass eine sofort aufflammende Wut das Monster für einen Moment soweit ernüchtert, dass es schneller zu rennen vermag, als der momentan exxtrem geschwächte Willem.

Wenn er das Häuschen nicht verlässt, sondern einfach dasitzt, könnte "Häbbäht" ihn sehen und die mächtigen Arme ausbreiten, Willem zu erdrücken.

Willem will es nicht darauf ankommen lassen, dass ein zorniges, betrunkenes... nein - er weigert sich jetzt, dass Kinderwort noch einmal zu denken, dass also ein zorniges, betrunkenes Ungeheuer ihn wahrnimmt. Er wäre außerstande, wegzurennen, aber auch außerstande, sich einem Overall mit Monsterzähnen zu erwehren.

"Häbbäht" lässt sich Zeit. Sein verwaschenes Gegrummel wird jetzt verständlich und klingt unnatürlich laut. Es hallt in die Straße:

"Esch han et dämm Düres jesaat: E soull frouh sen, dat e nimmi aabeede möö - öt. De sujenann - nannte Demogradie lutsch noch de lätzte Pimmel uss, bes nix mi kütt. Keene Jrosche mi, nää, wennijea krieje esch, hät miir dä Aal gesaat. Un esch han et dämm Düres jesaat, esch ben net op de Kopp jefloare, han - han esch jesaat, dat han se dämm von owwe jedröück med'm demo - demojradische Doumme. Han esch dämm Düres jesaat, et mouß 'n Fuuß häa. Su een wi ming. En haade Fuuß, dat de Aabeedea weddea wat jilt. Me senn at esu wegg, dat de SPD-Wiewea net nua di ruuhde Woch' han, nä, se han e ruuhd Joah met minge Jrosche!"

("Ich habe es dem Theo gesagt: Er soll froh sein, dass er nicht mehr arbeiten mu - uss. Die sogenan - nannte Demokratie lutscht noch den letzten Pimmel aus, bis nichts mehr kommt. Keinen Groschen mehr, nein, weniger kriege ich, hat der Alte mir gesagt. Und ich habe es dem Theo gesagt; ich bin nicht auf den Kopf gefallen, hab - hab ich gesagt - das haben sie ihm von oben gedrückt mit dem demo- demokratischen Daumen. Habe ich dem Theo gesagt, es muss eine Faust her. So eine wie meine. Eine harte Faust, dass der Arbeiter wieder etwas gilt. Wir sind bereits soweit, dass die SPD-Weiber nicht nur eine rote Woche haben, nein, sie haben ein rotes Jahr mit meinen Groschen!")

Er stolpert ein paar Schritte, hustet, spuckt auf die Straße, nähert sich dem Häuschen.

'Denk an deinen alten Trick!'

Ach ja! Willem entscheidet sich sofort. Für den Trick, der einige Male in der Vergangenheit funktioniert hat, wenn ihn jemand nicht sehen sollte.

Und er streitet sich ausnahmsweise einmal nicht mit der unbegreiflichen Innenstimme...

Willem legt sich unter die Bank. Sofort wird ihm übel, denn er legt sich in eine Wolke von Urinduft, mehrfach erneuertem uralten Urinduft, der ihm den Atem benimmt. Was soll's - er atmet so flach wie möglich zwischen zwei leicht geöffneten Lippen. Er riecht nicht. Er will nicht riechen. Er benutzt die Nase einfach nicht.

Er stellt sich vor, er ist unsichtbar. Er versucht, der herannahenden Person einen Blick nur a u f die Bank zu suggerieren.

'Ich liege hier nicht. Hier liegt nichts. Für dich ist das Wartehäuschen leer! Für dich ist das Wartehäuschen leer!!

'Intensiver!' kreischt die Innenstimme. 'Intensiver!'

'ICH LIEGE HIER NICHT! HIER LIEGT NICHTS! FÜR DICH IST...'

Der Overall mit Riesenkopf, aus dem kaputte Monsterzähne blecken, erreicht Willems Höhe.

'ICH LIEGE HIER NICHT! ICH LIEGE HIER NICHT! ICH...'

"Esch hann et emmea jesaat - me bruche sunne kleene Hitlea. Kütt esu eene Dräcksbälinea oun' esch krieje baal Krach mit'm Wierd! Dat jitt et jaanet. Wat senn dat füür Zegge?"

("Ich habe immer gesagt, wir brauchen so einen kleinen Hitler. Kommt so ein Drecksberliner und ich bekomme bald Krach mit dem Wirt! Das gibt es garnicht! Was sind das für Zeiten?")

''FÜR DICH IST DAS WARTEHÄUSCHEN LEER.. FÜR DICH IST DAS WARTEHÄUSCHEN LEER.. FÜR DICH IST..."

"Häbbäht" bleibt stehen. Willem suggeriert sich, seine Hose sei zu eng, als dass sein Herz hineinrutschen könne. Der Kerl darf einfach nicht genauer hinschauen.

'Da sammelt sich der Schweiß zwischen den Arschbacken, wie?'

'Für deinen Spott gibt es bessere Momente!'

'Du hast dich selbst in diese Situation gebracht. Schon beim Blick durchs Fenster hätte dir klar sein müssen, dass du in dieser Kneipe nichts zu suchen hast!'

'Ist ja gut jetzt...'

"Der Kerl" rülpst gewaltig, patscht sich mit der Rechten fest auf den Kopf, als wolle er wiederherstellen, dass er etwas Genaues mitkriege. Dann stolpert er zur Seite, von Willem fort, versucht wieder Stand zu gewinnen, stolpert dann weiter. Willem vermag komplett mitzufühlen, wie es dem Mann ergeht: Der beobachtet seine Beine und versucht, sie korrekt zu regieren - Willem kennt den Zustand.

"Häbbäht"s Schritte entfernen sich.

Die unregelmäßigen Geräusche. "Häbbäht"s röchelnder Atem. Gestammelte Worte. Rudernde Armbewegungen, des Gleichgewichtes wegen. Ein heftiges Knurren. Dann:

"Esch hätt'n jo jään noch'ns jesenn, dä Bälinea - dann hät'sch em jezeesch, wat'ene aanständieje Brounge es!" ("Ich hätte ihn ja gerne noch einmal gesehen, den Berliner - dann hätte ich ihm gezeigt, was ein anständiger Brauner ist!")

Willem wartet noch eine geraume Weile, derweil ihm nun wirklich der Schweiß zwischen den Po-Backen zusammenläuft. Leise, doch demonstrativ - pffvvv, pfvvv - bläst er die Luft, bis "Häbbäht" nicht mehr zu hören ist.

'Beim nächsten Mal schaust du genauer hin, bevor du irgendwo reingehst!'

'Muss ich mir erst wieder Heroin reinpumpen, um dich zum Schweigen zu bringen?'

'Du bringst mich zum Schweigen, umbringen kannst du nur dich!'

Willem denkt diesmal nichts weiter zurück. Er kriecht vor, schaut ins Dunkle und sieht noch den Schatten eines großen wankenden Mannes vor den Schaufensterpuppen des Riesenladens, der so absolut nicht hierherpasst.

Rosettenmeerschweinchen verschwindet soeben endgültig in irgendeinem Hauseingang, zerfasert wie ein böser Traum, von dem nur der bitter-raue Geschmack übrig bleibt...

"Wo bin ich - um Himmelswillen, wo bin ich?"

Diesem laut gedachten Gedanken will niemand antworten.

Willem steht auf und klopft seine Kleider ab, für Sekunden eingehüllt in eine urinduftgetränkte Staubwolke.

Er schüttelt sich wie ein nasser Hund. Kramt Tasche und Jacke unter der Bank vor. Ihn fröstelt.

Der Schmerz am Hals verschlimmert sich wieder, als habe er nach überstandener Gefahr ein erneuertes Recht, beachtet zu werden. Willem will ihn nicht beachten.

So spät abends kann es noch nicht sein. Dennoch: Dieses Städtle schläft bereits - einige blaue Fenster fangen Willems spontan reagierende Augen, alldieweil sich das Blau abschaltet.

Die Stille wird stiller, scheint Willem.

Was tun?

Irgendwo muss es doch hier eine Art Ortskern geben, mit einer Polizeistation. Und ein Krankenhaus mit Ambulanz dürfte die Stadt, sei sie noch so verschlafen, auch haben.

'Lauf einfach. Lauf einfach drauflos!'

'Das hätte ich jetzt auch ohne deine Bemerkung gemacht.'

Unmöglich, dass nicht irgendein Mensch auf irgendeine Straße kommt - und sei es nur, seinen Hund ein letztes Mal auszuführen. In Hanaffa wird es doch wohl Hunde geben. Wie überall, wo Menschen leben.

Für einen Augenblick fühlt er sich souverän, spürt sich erneut vertrauen in seine, nun, in seine "Gammlererfahrung". Wie oft hat es schon schwarz ausgesehen. Und dann war da ein plötzlich Loch im Schwarz und Willem war wieder satt, hat in einer Badewanne mit Fichtennadelduft gelegen, hat Schuhe an den Füßen getragen, wildlederne, die er nicht kaufen musste. Ist er nicht aus Berlin geflohen wegen der sich häufenden Löcher im Schwarz?

Gut - auch vor den fünf Pistolen...

"Danach wir bringen dich Friedhof!"

... aber nicht nur davor. Willem wiederholt sich. Willem will sich nichts glauben.

Immer, immer ist etwas geschehen. Gut. Also los.

Indes: Schon nach den ersten Schritten, auf die Kaufhauskreuzung zu, bemerkt Willem, WIE schwach er wirklich ist. Mittlerweile schmerzt die gesamte rechte Kopfseite. Und: Hat er in der kurzen Zeit zuviel Blut verloren? Sicherlich nicht. Ihm wird klar: Die letzten exzessiven Tage in Berlin, die sich überstürzenden Ereignisse spielen da kräftig mit. Das straft sich jetzt.

Seine Beine bleiern.

"Hilft nichts", knurrt er laut, "hilft nichts: Ich muss eine Ambulanz finden!"

Also: laufen. Einfach laufen. Der Bahnhof wird ja nicht weit außerhalb der Stadt liegen - schließlich hat er einen halben Stern von Straßen gesehen. Oder soll er zurückgehen? Zurück zum Bahnhof, an der Wickülerkaschemme vorbei? Könnte er, w i l l er aber auf keinen Fall. Der Gedanke ist ihm widerlich.

'Du hast nicht mehr viel Zeit, irgendetwas widerlich zu finden!'

'Dankeschön, du Kopflaus, dankeschön!'

'Läuse sind Kleinlebewesen, die auf dem Kopf leben, nicht in demselben.'

'Willst du mir hier Grundschulunterricht erteilen?'

'Manchmal habe ich das Gefühl, du bist dümmer, als die Grundschule zulässt...'

Willem verzichtet auf eine innerliche Antwort. Er schaut sich um, unternimmt den sinnlosen Versuch, sich zu orientieren. Also: einen Bogen, beim Kaufhaus links, dann schauen...

Willem richtet sich auf, atmet durch, befiehlt dem Schmerz, erträglich zu sein, und marschiert los. Hebt zentnerschweren Fuß rechts, dann links. Es ist wirklich marschieren, was er da im ersten Moment vorlegt - aber dann wird er langsamer - schon nach einem halben hundert Meter scheinen sich von seinem Hals aus soetwas wie "Flimmerschlieren" zu bilden, bis ins Innerste, bis ins Rückgrat, runter den Mann wandern diese Schlieren und werden zum Schmerz und gewichten seine Füße und versuchen, sein Bewusstsein zu überspülen.

"Okay, Freak, es geht ans... es geht ans..." flüstert er leise, leise vor sich hin und verharrt einen Moment - ihm wird klar, dass es sich hier um periodisch stärker werdende Macken seines Kreislaufs handelt.

Doch der Blutverlust? Nein. Willem hat des öfteren mehr Blut verloren in der Vergangenheit, Blut verloren bei Unfällen, vor der Zeit, lange vor der Zeit seiner jetzigen "Forschung".

Nein, der Hals fühlt sich bereits zäh klebrig an, da rinnt nichts Frisches. Oder zumindest wenig, nicht gefährlich.

Soeben schießt eine "Flimmerschliere" vor seine Augen, den brav gereihten Häusern scheinen die Dächer zu schmelzen, der Straßenbelag unter ihm rüttelt.

"Nein, verdammt nochmal, nein!" knirscht er zwischen seinen Zähnen hervor.

Die Menschenbrutstätten bekommen wieder stabile Spitzgiebel, der Asphalt liegt ruhig.

Sein Herz hämmert. So nebenbei nimmt er wahr, dass er wieder geht, nicht gewollt, beingewollt.

Willem will jetzt nur noch da sein, nicht wegschmelzen in einem Flimmerschlierenkokon, bis er nichts mehr weiß.

Er schaut nach unten. Wann immer einer seiner beiden Schuhe ins Bild kommt, weiß er, er ist vorangekommen, der rettenden Ambulanz ein Stück näher - er g e h t immer noch. Und das reicht ihm, muss ihm jetzt reichen.

So verfällt er in eine Art Lauf-Trance. Er schaut nicht links, nicht rechts. Er zählt seine Herzschläge und versucht, durch langsameres Zählen seinen hektischen Puls zu zähmen.

Links. Rechts. Links. Rechts. Sechsundzwanzig. Siebenundzwanzig. Achtundzwanzig. Neunundzwanzig...

'Ausgezeichnet. Not macht Schäfchenzählen...'

Er verzichtet auf eine Reaktion. Sein Blick klärt sich. Die Schmutzflecken auf dem Oberleder seiner Schuhe bekommen wieder unterscheidbare Schmuddelgesichter...

Und so verfolgt er die Strecke nicht, die er zurücklegt.

Unvermittelt steht er vor dem Kaufhaus.

Schaut nach da, schaut nach dort - Willem bemerkt, er ist außerstande, sich für eine Richtung zu entscheiden.

Er muss aber. Wie ist das gewesen? Aus der Kneipe links in die dann überraschend enge Kurve... Wollte er nicht einen Kreis... um wieder in Bahnhofsnähe...? Also links.

Nach ein paar Minuten indes beginnt er, an dieser Entscheidung zu zweifeln: Tun sich doch immer breitere Gärten auf zwischen den Häusern. Die Steingefängnisse wirken stadtrandmäßiger, frischer verputzt und gestrichen, größer, "villiger", reicher...

Nun gut, weitergehen, die nächste Seitenstraße links wird wieder in Bahnhofsnähe führen.

Aber da will erst einmal keine Seitenstraße erscheinen.

Häuser erscheinen in einem jetzt aufkommenden Dunst, den man noch nicht Nebel nennen kann, Häuser mit trutzigen Balkonen, die jungen Dinos Platz böten, Häuser mit Erkern, mit Türmchen, die in Blechfahnen enden. Mit selbst im Dunklen erkennbar roten Ziegeln gedeckt zeigt sich die ganze Pracht. Voraus wieder Lichtmasten, die, weil mit sauberen Leuchten versehen, die Nacht etwas vertreiben. Dies Viertel scheint den Hanaffern wichtiger zu sein, als die Gegend um den Bahnhof.

Villen. Ja, Willem stolpert in ein Villenviertel hinein.

Bis ans Ende der Welt nur diese Straße - demnächst kommen die Schlösser. Willem wird wieder schwindlig.

Und ihm wird jetzt richtig schwindlig.

'Halt durch. Verdammt, halt durch!'

In der geistigen Stimme schwingt jetzt echte Sorge.

In seinem Kopf, verharrend nur am Zaun dieses unbegreiflich abgetrennten Teils seines Gehirns, kreisen plötzlich unidentifizierbare Geräusche, Laute, etwas klingelt nachdrücklicher, nachdrücklicher.

Ein hölzerner Vorgartenzaun endet neben ihm, er greift danach, will sich festhalten, will sich wachhalten.

Gerade noch so fühlt er seine Hand, die sich ums Holz krallt, nass werden, als habe auf unbegreiflichen Wegen frisches Blut seine Finger erreicht, denen jetzt die Kraft flieht. Sie rutschen ab - er taumelt, taumelt noch ein, zwei Schritte, dann schließt sich der Vorhang und Willem stürzt nach vorn, seitlich in ein Gesträuch des Grundstücks vor ihm - er nimmt noch wahr, dass ihm ein Zweig durchs Gesicht kratzt, nimmt es wahr wie einen fernen Schmerz, dann...

***

Er kann nur ein paar Minuten ohnmächtig gewesen sein. So will es ihm scheinen, als das heftige Tuckern am Hals für ihn zum unerbittlichen Wecker wird. Der durch sein Gesicht wischende Zweig hat einen fühlbaren Abdruck hinterlassen, knapp am rechten Auge vorbei.

'Hallo!' denkt es fröhlich in ihm. 'Nett, dass du wieder da bist!'

Jodgeruch schleicht sich in seine Nase.

Jodgeruch?

Er lässt die Augen noch geschlossen. Er tastet zur verletzten Halsseite hin: Ein frischer Verband ist dort, wo sein zerrissenes Hemd sich befunden - die Streifschusswunde in der linken Schulter scheint verschwunden...

Er wagt einen Blick: Das erste, was er wahrnimmt, was er w a h r, als gegeben nimmt:

... ein traumwirklich schöner, siebenarmiger Kerzenleuchter mit vielfarbig lackiertem Dreifuß...

... halb heruntergebrannte, Waben zeigende Echtwachskerezen...

... edelsinnige kitschig-elegante Goldmustertapete...

... Nippes auf Chippendale-Kommode...

... ein etwa Din A 2-großes Hinterglasportrait, goldgerahmt..

...von ihm!!

Unmöglich! Neben dem Bild steht ein rotsamtgepolsterter Stuhl. Er steht wie sinnlos, tischlos, an der Wand.

Durch ein großes, wohlbepflanztes Fenster gibt sich Tageslicht die Ehre.

Er kann also nicht nur ein paar Minuten bewusstlos gewesen sein.

Die Wunden tuckern.

Wäre er gestorben, wäre dies sein gottgewähltes, ewiges Domizil, belohne man ihn sozusagen für sein erbärmlich ertragenes Niederungenforschersein, dann würde da gewiss keine Wunde tuckern.

Was ist gewesen, welch nachtschwarzes Erlebnis hat die Welt auf den Kopf geworfen?

'Nicht die Welt! Dich! Dich hat's auf den Kopf geworfen.'

'Da du mich ansprichst, werde ich wohl noch leben!'

'Wieso solltest du tot sein? Warst nur abgeschaltet - für ein paar Stunden hatte ich niemanden zum Mitdenken. Dein Körpertier ist zäh!'

Welche Einzelheiten muss er jetzt puzzeln, bis er anzunehmen vermag, geistig wieder voll vorhanden zu sein?

Blutete da nicht wer?

Und schrie in die Nacht mit kratzigem Hals?

"Ich bin verletzt! Hört ihr, ich bin verletzt!"

Stolperte da nicht ein Rosettenmeerschweinchen vorbei?

Wattegraue Stille. Wattegraue Stille.

War da nicht ein Kaufhaus, großes Glas, fast nackte vulvalose Sommerpuppen?

Von uralten lahmen Geistern durchflossene Nebel?

Willem schluckt. Keine Rückwärtsfragen, hat er sich einmal geschworen. Als ihm seine letzte Arbeit, immerhin ein Volontariat bei einer jungen Zeitung, begonnen hat zu gefallen, ist Willem entflohen. Der Tag hat sich eingebrannt.

Keine Rückwärtsfragen?

Das Bettzeug knistert leise, frisch, als Willem sich bewegt.

Er bedeckt das Gesicht mit den Händen und gräbt eine Fingernageldruckspur seine Wangen hinunter.

Die linke Wange reagiert noch empfindlich, aber schmerzt nicht mehr. Sie schmiert ein bisschen, ist wohl mit Salbe behandelt worden.

Er schaut sich um:

... der Marmorboden - die Marmorierung von Kachel zu Kachel anders erlesen...

... im Raum verteilt mehrere Kristallspiegel...

... alle zwei Meter diese siebenarmigen Leuchter, überall Echtwachskerzen...

... die Porzellanfigur: Wilhelm der Zweite, auf einen kleinen Extratischchen neben der Tür...

Die Wunden tuckern. Willem lässt sich zurücksinken in das knisternd frische Bettzeug.

... Seidensatin...

Hätte er nur nicht gewagt, sich umzuschauen!

Befindet er sich in einer Neuauflage der Tage im Schutz der "Göttlichen Dame"?

Ihm wähnt, jetzt noch viel weniger zu verstehen.

Er befindet sich im neunzehnten Jahrhundert, tagreal...

Ein Flügel des großen Fensters ist angeöffnet, ein schwerer Samtvorhang schwingt träge.

Eine nahe Amsel singt samtig-diskant. Da Willem sich weigert, druckvolle Unlust im Bauch, auch nur an irgendetwas zu denken und auch die Cityratte schweigt, schlüpft sie mit ihrer unentwegten Stimme erstaunlich laut, wie Amseln nun einmal sein können, in sein Bewusstsein.

Sie wird zum Maß des Wirklichen.

Wenn da eine Amsel singt und ihre Stimme bekommt eine Art Phasing, wenn der Vorhang schwingt - wenn die Amsel wirklich singt und ihm das Gegenteil von Niedern erzählt, wenn der Vorhang wirklich schwingt, als bewege ihn eine übergroße Hand ganz sacht, dann ist auch dieses Zimmer tagreal, nicht traumwirklich.

'So traumwirklich wie ich, wie?'

'Dich bilde ich mir doch nur ein!'

'Ich bestehe aus Denken. Es nutzt wenig, sich mich aus- oder einzubilden.'

... eine Nippesjungfrau lächelt porzellanen-ewig...

...Kommoden-unendlich sein...

.. Frau Lot...

'Jemand hat mich gefunden und hier aufgebahrt - ausgebluteter Ganzkörperpimmel in Edeltuch. Gleich werden sie Rosen und Nelken und Lilien bringen und sich über die Formalitäten unterhalten und meine bleichen Fragen nicht hören.'

'Schön gesagt! Der höchst lebendige tote Dichter, wie?'

'Zynisches Aas!'

'Nach mir wird nie ein Zimmer riechen.'

'Ja, ja!'

Willem beschließt, nichts zu fragen.

Willem sagt sich: 'Traumwirklicher Satin ist immer noch besser als Vorgartenerde, tagreal, Hundekot links vom rechten Nasenflügel, ha!'

Nur nichts glauben!

Die Luft im Zimmer riecht immer noch, als wäre man gerade dabei, nach Jahren wieder einmal zu lüften. Dieser Raum ist lange nicht mehr benutzt gewesen, sehr lange nicht...

Willem richtet sich auf.

Ein heftiger Windatem läßt die Kerzenflammen flackern.

Willem hört Schrittgeräusche.

Von der einen Sekunde zur anderen interessiert ihn der Raum und sein Interieur nicht mehr: Da er inzwischen, mehr oder weniger unfreiwillig, begriffen hat, dass er sich in einer der Großen Niederung diametral entgegengesetzten Sphäre befindet, erwartet er einen für ihn endgültig unbegreiflichen Menschen.

Leise, doch ohrnervig, öffnet sich die mahagonigetäfelte Tür.

Willem stützt sich auf seine Ellbogen, ist plötzlich nur noch hochneugierig.

Und im Türrahmen steht eine silberhaarige Frau.

'Silberhaarfrau', stöhnt Willem innerlich, 'sie sieht aus wie das Mädchen in meiner Erzählung "Die Lady auszuschauen", nur älter, Himmel...'

'Du sieht ja auch älter aus als auf deinem Portrait hier.'

'Das kann kein Portrait von mir sein!'

'Quatsch. Ich kann auch nicht sein und bin doch...'

Er befindet sich also in der Welt seiner Nah-Tod-Halluzinationen, ausgesetzt den letztlich kochenden Protuberanzen seiner Phantasie, vor denen er sich zu Lebzeiten beständig warnte?

Weshalb er sich geängstigt hat gelegentlich und den Dichter in sich versteckte...

Willem fühlt sich im Innersten angesprochen.

Silberhaarfrau - sie zeigt tausend winzige Fältchen, feingesponnen, rund um die braunen Augen - und einen seetief ruhigen Blick.

Etwas Seiniges, zu ihm Gehörendes strahlt sie aus.

Ein unbekanntes Zuhause-Gefühl entsteht in ihm. Er bemerkt sofort, dass es von ihr kommt.

Sie trägt ein bodenlanges, weißgelb gestreiftes Kleid um noch immer makellos schlanke Hüften, die Schultern kokett frei und ihre Haut wirkt straff, jung... und ihre feinen Sommersprossen...

In der linken Hand hält sie ein Whisky-Glas, dreiviertel gefüllt, in der rechten die angebrochene Flasche TULLAMORE DEW, achtzehnjährig...

Dort, wo die Flasche ihr Alter zeigt, sieht Willem Staub auf dem Glas, sehr betagten Staub...

Sie lächelt weltmeisterlich einladend und sagt:

"Isch hab' ja gewusst, dass du wiedärkommst, du Mischtstück!"

 

 

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